Kommentar
Afghanistan ist mitten unter uns
Zum neunten Mal Kriegsweihnacht wie einst im Weltkrieg für viele Familien, deren Männer und Söhne in Afghanistan auf zunehmend verlorenem Posten stehen. – Eine Einschätzung des Orientalisten Heinz Gstrein.
Krampfhaft sind Politikerinnen und Politiker aus der Heimat bei Frontbesuchen bemüht, den Kampfgeist ihrer NATO-Kontingente aufrecht zu halten, die sich am Hindukusch ausbluten: Nach dem bisher verlustreichsten Jahr 2009 mit 521 Gefallenen dürften bis zum Ende dieses Jahres sogar an die 700 Offiziere und Soldaten umkommen – auf afghanisch-islamistischer Seite sind es seit Beginn der westlichen Anti-Taliban-Intervention im Oktober 2001 zehntausende Tote, die Mehrzahl von ihnen Zivilisten.
Militärbischof am Hindukusch
Sogar einschlägige Feldbischöfe werden aufgeboten, um die Moral der Truppen zu stärken und ihnen die gerechte Notwendigkeit dieses abendländischen Krieges gegen die heiligen Krieger der Taliban und Al-Kaida einzubläuen. So hat der slowakische Militärbischof Frantisek Rabek die in Kabul stationierten Soldaten seines Landes vor Weihnachten aufgesucht und ihnen gepredigt, dass es für Christen nur legitim ist, islamistischer Gewalt militärisch entgegenzutreten. Der weltweite Moslem-Terrorismus habe in Afghanistan seine Schaltstelle. So würden von der multinationen ISAF am Hindukusch «unsere Heimat, unsere Familien, wehrlose Menschen auf der ganzen Welt» verteidigt.
Diese vorweihnachtliche Feldpredigt war natürlich auch auf Rückwirkung in Bratislava abgestimmt, wo die Regierung das slowakische Afghanistan-Kontingent 2011 weiter verstärken will. Das ist natürlich nicht gerade populär, noch dazu vor dem Hintergrund der gleichzeitig aus Afghanistan abziehenden Deutschen und sogar Amerikaner.
Verlorene Siege
Diese ziehen richtig nur die Konsequenz aus der wachsenden Einsicht, dass der afghanische Krieg nicht zu gewinnen ist. Von Anfang an, als Bin Laden mit den führenden Männern von Al-Kaida und Taliban den Invasionstruppen entwischen konnte, gab es am Hindukusch nur mehr verlorene Siege. An den unüberwindbaren Bergen und den freiheitsliebenden Berglern sind bisher alle Okkupanten gescheitert, ob Engländer, Sowjets oder jetzt die NATO. Aus Patriotismus unterstützte und unterstützt praktisch die gesamte Bevölkerung eine Minderheit extremer Partisanen, ob das früher die Mudschaheddin waren oder jetzt eben die Taliban sind.
Dazu kommt, dass die von den USA und ihren Verbündeten in Kabul unter dem zwielichtigen Hamid Karzai errichtete «Islamische Republik Afghanistan» dem einstigen Terrorregiment der Taliban bald schon gleicht wie ein Ei dem anderen: «Abtrünnige» vom Islam seien mit dem Tod zu bestrafen, hiess es, und der Präsident selbst wies letzten Sommer Regierung und Staatsschutz an, dafür zu sorgen, dass es keine weiteren Übertritte zum Christentum gibt. Der stellvertretende Parlamentspräsident Abdul Satter Khowasi forderte sogar die öffentliche Hinrichtung von Personen, die vom Islam zum Christentum übertreten.
Christen vogelfrei
Ein Abgeordneter erklärte, die Ermordung von Christen, die zuvor Moslems waren, sei kein Verbrechen. Seither sind zahlreiche christliche Familien untergetaucht oder ins Ausland geflohen. Humanitäre Hilfswerke werden einer strengen staatlichen Kontrolle unterzogen. Zwei, die den Begriff «Kirche» im Namen tragen, mussten ihre Aktivitäten 2010 einstellen – die Norwegische Kirchenhilfe und sogar die US-amerikanische Organisation World Church Services. Was macht es da noch für einen Sinn, für so ein Regime zu kämpfen oder gar zu fallen!
Globalisierte Bedrohung
Ausserdem geht der islamistische Terror längst nicht mehr von Afghanistan allein aus, von einem Bin Laden, der irgendwo im Kabuler Bergland in einer Höhle sitzt. Die terroristische Bedrohung durch den Islam hat sich globalisiert, wuchert mitten unter uns, wie der Anschlag von Stockholm eben wieder gezeigt hat.
Und für jeden Soldaten, den der Westen nach Afghanistan schickt, setzen sich mindestens zwei islamische Zuwanderer oder Moslem-Konvertiten ins Flugzeug, um eines der vielen Ausbildungslager für Weltrevolutionäre im Zeichen des Halbmondes anzusteuern. Diesem Prozess kann längst nicht mehr am Hindukusch gesteuert werden. Der Feind Islamterror lauert schon in unserer Mitte, er muss vorrangig in Europa und den USA besiegt werden!
Autor: Heinz Gstrein
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