Chrischona-Direktor Markus Müller

«Wir sollten die Zukunft ernst(er) nehmen»

Die Schweiz, Europa und die Welt stehen vor zahlreichen Grundfragen. Es geht um die Zukunft. Können die Christen etwas verändern? Chrischona-Direktor Markus Müller beschreibt drei Szenarien und leitet daraus drei Impulse ab.

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Markus Müller
Was bleibt am Ende der 300-jährigen Aufklärung und Moderne? Wir klagen über eine immer schneller und komplexer werdende Welt. Wir wundern uns, dass gute Ideen im Handumdrehen von machtvollen Systemen aufgesogen und verformt werden. Wir staunen über das Desinteresse an dem, wie heute Vorhandenes geworden ist. Verblüfft sind wir – schliesslich - darüber, dass wir uns manchmal wie ein Rädchen im Getriebe vorkommen und Lustgefühle aufkommen, einfach auszusteigen.

Jenseits dieser eher persönlichen Empfindungen beobachten wir

  • einen Sozialstaat, der herzlich wenig mit dem zu tun hat, was den (christlichen) Impulsgebern im 18. Jahrhundert und nach dem 2. Weltkrieg vorschwebte,

  • eine Wissenschaft, die das Detail kennt, aber nichts mehr von den grösseren Zusammenhängen weiss,

  • eine Finanzwelt, die mit unbeschreiblichem Aufwand das Kleingedruckte absichert, aber keine Regeln kennt, wie Schulden bewältigt und Spekulationsgeschäfte eingedämmt werden,

  • eine Öffentlichkeit, die peinlich genau über die Korrektheit moralischen Verhalten bei gesellschaftlichen  Verantwortungsträgern wacht, selber aber so lebt, als gäbe es kein Morgen.

Ich glaube, die Wucht der Moderne hat bei Nicht-Christen wie bei Christen vor allem eine Wirkung: Vor lauter Auflehnung gegen das Vergangene, Alte, Verstaubte und Gestrige hat sie uns die Zukunft weggewischt und geraubt. Übrig blieb das Gefängnis in der Gegenwart. Vergangenheit ist Sache für Nostalgiker und Spezialisten. Und weil wir nicht wissen, was morgen ist, lassen wir lieber auch die Finger vom Übermorgen. Zukunft ist - folgerichtig - kein ernstes und ernstzunehmendes Thema.

Drei Ahnungen:

  1. Was sich im Grossen und Globalen ereignet, hat immer auch seinen Niederschlag unter uns Christen. Wie die Mächtigen, so schlagen auch wir uns täglich mit Finanzen herum. Wie die Migrationsproblematik unser Gesellschaftssystem überfordert, so stossen auch wir im Umgang mit anderem Denken (und wenn es nur unsere Gottesdienstformen betrifft) an die Grenzen, und wie sich die Medienlandschaft über einen Hildebrand und Wulff erhebt, so werden wir nicht müde, unsere Urteile über andere zu fällen.

    Impuls: Mindestens mit einem Menschen rede ich über meine finanzielle Situation und wie diese in 10 Jahren aussehen soll.

  2. An drei Stellen scheint mir eine besonders hohe Übereinstimmung zwischen sog. weltlichen und christlichen Denkmustern und Prägungen der Nachkriegszeit zu liegen: Erstens die Vorliebe zum Urteilen anstelle des eigenverantwortlichen Gestaltens. Zweitens die Liebe zu Wohlbefinden, zu attraktiven Happenings und zu Wachstum. Und drittens das Vergessen, welche (gute) Idee doch hinter so vielen (weltlichen und christlichen) Projekten und Organisationen steht. Verkommen ist so nicht nur die alte Idee eines versöhnten und dienenden Europas, die einzigartige Idee der Sozialen Marktwirtschaft oder die Idee eines gesunden, das Wohl des Menschen im Blick habenden Finanzsystems, sondern auch die Erinnerung, wieso es Gott gefallen hat, zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten Menschen, Gemeinden und Werke ins Leben zu rufen und zum Segen für diese Welt zu setzen.

    Impuls: Von mindestens drei gesellschaftlichen oder christlichen Systemen, an denen ich beteiligt bin (z.B. Sozialstaat, Firma, Hochschule, Gemeinde), werde ich mit Freunden herausfinden, worin die Ur- und Kernidee eigentlich bestand bzw. besteht.

  3. Die Chance: Falls das mit dem Gefängnis in der Gegenwart, der unaufhörlich zuschlagenden Wucht der Systeme und dem ungebrochenen Willen zur Aufrechterhaltung von Systemen zutrifft, dann gibt es eigentlich nur zwei Schlussfolgerungen: Zum einen den Blick in die kommenden 30 oder 50 Jahre, und zum andern aus Liebe zu dem Kommenden eine Neuentdeckung des Vergangenen. Mir scheint, als hätten Christen selten so viel Freiraum und Möglichkeiten wie heute gehabt, sich hier konstruktiv einzubringen und einen Beitrag für eine lebenswerte Zukunft zu geben – nicht um unseretwillen, sondern um dieser von Gott sehr geliebten Welt. Ein Spener, Spittler oder Raiffeisen könnten Vorbild sein.

    Impuls: Mit mindestens drei Menschen unter 25 versuche ich, mir ein Bild über die Welt in 30 Jahren zu machen. Wir fragen, was wir selber von dem wollen und was wir lieber vermeiden würden.

Damit wäre klar: Die Grundaufforderung an unsere Denken und Glauben lautet: Lasst uns die Zukunft ein bisschen ernster nehmen als wir dies in den vergangenen Jahrzehnten getan und gelernt haben. Ich wünsche mir Zukunftwerkstätten, Denkwerkstätten also, bei denen wir wie Noah in der Arche das Fenster nach draussen aufmachen, bei denen die Zukunft etwas mehr zählt als die Gegenwart und bei denen die unbändige Liebe zur Zukunft eine herzliche Liebe zur Vergangenheit hervorbringt. In jedem Fall gilt: Wir sollten die Zukunft ernst(er) nehmen.

Webseite:
Pilgermission St. Chrischona

Buch zum Thema:
«Trends 2016»

Datum: 02.02.2012
Autor: Dr. Markus Müller
Quelle: Livenet

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