Stv. Chefredaktor nach Outing

«Das Christentum gehört mitten ins Leben!»

Der stellvertretende Chefredaktor von «Bild.de», Daniel Böcking, sorgte Ende April mit einem Artikel, in dem er über seinen christlichen Glauben schrieb, für Begeisterung unter Christen. Allerdings gab es ebenso kritische Nachfragen. Wie sieht er sein «Coming Out» heute?
Daniel Böcking

pro Medienmagazin: Ihr Artikel «Warum ich mich heute als Christ outen will!» hat Ende April für Gesprächsstoff gesorgt. Welche Reaktionen haben Sie überrascht?
Daniel Böcking: Mich hat überrascht, wie viele Christen online miteinander vernetzt sind und wie häufig mein Text auch auf diesem Wege verbreitet wurde. Natürlich gab es in den sozialen Netzwerken auch Häme, aber vor allem sehr viele positive Rückmeldungen – damit hätte ich nicht gerechnet.

Welches Feedback haben Sie von Ihren Kollegen bekommen?
Die meisten hatten den Text tatsächlich gelesen und viele haben mich darauf angesprochen. Eine Kollegin, mit der ich vorher noch nicht so viel zu tun hatte, hat sich bei mir bedankt und gesagt, dass sie genauso denkt. Ein anderer Kollege hat sein Unverständnis geäussert, das kam auch vor.

Warum haben Sie den Begriff «Outing» gewählt?
Wir sind eben Bild. «Ich glaube an Jesus» wäre keine Überschrift, die zu uns gepasst hätte. Es war aber auch wirklich ein «Aus-dem-Versteck-Kommen»: Meine engen Freunde wissen, dass ich Christ bin, aber mit einem Vokabular wie «eine Beziehung zu Jesus aufbauen» können viele Menschen wenig anfangen. Ich habe es als Befreiung empfunden, das mal offen zu sagen, und auch im Gebet gespürt, dass es ein richtiger Schritt war. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass ich ungern im Mittelpunkt stehe. Es war herausfordernd, als plötzlich alle 30 Sekunden eine Frage per Twitter oder eine E-Mail auf mein Handy kam.

Eine dieser Fragen lautete: Wie kann man als Christ bei der Bild-Zeitung arbeiten?
Ich erlebe Bild als eine hochprofessionelle, ehrliche journalistische Marke. In 15 Jahren bei Bild habe ich nicht erlebt, dass jemand bewusst gelogen hätte. Wir polarisieren, aber ich bin mit gutem Gewissen dabei. Natürlich passieren auch mal Fehler. Und natürlich finde ich persönlich nicht alles gut – aber das geht sicher allen Arbeitnehmern ab und an mal so. Bei Axel Springer gelten Werte, die zum christlichen Glauben passen. Das ist mir wichtig.

Würden Sie ein Thema in der Redaktion ablehnen, weil Sie Christ sind?
Diese Frage stellt sich im Redaktionsalltag kaum. Meine Erfahrung bei Bild zeigt: Am Ende einer Redaktionskonferenz stehen spannende und schlaue Beiträge auf der Agenda, die ich auch als Christ gut vertreten kann. Ich weiss aber auch, dass es da unterschiedliche Meinungen gibt, und masse mir nicht an, zu beurteilen, ob mein Umgang mit vielen Themen immer richtig ist. Vielmehr versuche ich jeden Tag, dazuzulernen und das Richtige zu tun.

Wie kam es, dass Sie Christ wurden?
Der Glaube war mir mein Leben lang wichtig, wurde aber erst vor einigen Jahren konkret. Nach einem Einsatz auf Haiti liess ich mich bei der Hilfsorganisation Humedica zum Krisenkoordinator ausbilden. Dort habe ich eine Krankenschwester kennengelernt, die mir erklärt hat, dass ich ohne Jesus keine Verbindung zu Gott haben könne. Ich habe dann erkannt: Gläubig zu sein, ist wie ein Sechser im Lotto. Hätte ich im Lotto gewonnen, würde ich wochenlang überlegen, was ich mit dem Geld mache. So habe ich es dann mit dem Glauben auch gemacht und angefangen, richtig darüber nachzudenken, wie Gott mein Leben verändern will.

Wie können Christen in Deutschland sichtbarer werden, auch wenn sie nicht bei einer grossen Zeitung arbeiten?
Indem sie einfach zu ihrem Glauben stehen. In der Bibel ist oft davon die Rede, hinauszugehen und den Menschen vom Glauben zu erzählen. Auch wenn man da manchmal unsicher ist – das Christentum gehört mitten ins Leben!

Zum Originalartikel in der Bild-Zeitung: hier

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Datum: 10.07.2015
Autor: Moritz Breckner
Quelle: PRO Medienmagazin

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