Migrationskirchen

„Wer war ich gestern – und wer werde ich morgen sein?“

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Suche nach der Heimat in der Fremde: Amélé Ekué kennt Migranten-Schicksale.
Migranten bringen Farbe in die Kirchenszene – und Fragen. Machen sie einheimischen Christen bewusst, dass wir alle nur Gäste auf der Erde sind? Die Aufgaben von Einheimischen und Zugewanderten und das Integrationspotenzial von Migrationskirchen beschäftigten eine Tagung am 29. Oktober in Basel.

Migration ist von Kirchen „nicht nur als diakonische Aufgabe zu begreifen, sondern vor allem als ökumenische und missionarische Herausforderung und Chance.“ Dies sagte Pfr. Martin Breitenfeldt, Direktor von mission 21, welche mit den reformierten Kirchen der beiden Basel und dem Kirchenbund die Tagung durchführte, vor den 120 Teilnehmenden. Die Migranten seien zwar äusserlich fremd, aber „Partner, mit denen wir als europäische Christen in ein und derselben Mission unterwegs sind – oder mindestens sein könnten, sein dürften“. Breitenfeldt glaubt, dass der christliche Glaube, welcher beide Seiten verbindet, in Basel zum wichtigen Integrationsfaktor werden wird.

Heimat – nichts Heimeliges

Im zweiten Grusswort nahm der Basler Kirchenratspräsident Pfr. Lukas Kundert dem Heimatbegriff mit Verweis auf die Bibel das Bodenständige. „Heimat ist ein Glaubensinhalt, etwas Verheissenes, etwas das der Wirklichkeit entgegensteht“, sagte der Bibelwissenschaftler und nannte Abraham. Dieser habe im namentlich verheissenen Land (Morija!) nur einen Tag verweilen können. Seine Nachkommen hätten das ihm verheissene Land nicht selbstverständlich besessen; seine Fruchtbarkeit habe vom Himmel, seinem Regen, abgehangen und es habe die Bewohner nach Ungehorsam ausgespien. Kundert folgerte, „dass die Heimat, das Heilige Land, nicht einfach ein geografischer Ort ist. Es ist Kein-Land, nichts Heimeliges.“

Prekäre Zwischenwelt

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Latino-Klänge für eine bessere Welt…
Wie können Kirchen von Zugewanderten einheimische Gemeinden befruchten? Laut Christine Lienemann, Professorin für Missionwissenschaft in Basel, wird ‚Heimat’ zunehmend in der Fremde gesucht und gefunden. Früher habe die Diaspora-Existenz, das Leben fern von Volk und Heimat, das Sehnen nach Rückkehr ins Ursprungsland eingeschlossen. Heute frage Diaspora-Theologie: „In welcher Zwischenwelt existierst du?“ Lienemann zitierte Theologen aus Übersee, die Diaspora als Brücke zwischen zwei oder mehreren Räumen verstehen und eine „qualitativ neue Form von Identität und Zugehörigkeit“ zu erkennen glauben. Dabei unterscheiden sich Migrationskirchen: Die einen sind ethnisch homogen, andere verbinden Zugewanderte aus vielen Völkern.

Diaspora-Christen in der Bibel

Der erste Petrusbrief der Bibel richtet sich an Christen in der Diaspora, gesellschaftliche Aussenseiter, die mit ihrem Anderssein die Mehrheit provozieren und deswegen leiden. Lienemann sagte, der Briefverfasser lege ihnen nahe, sich von ihr nicht abzukapseln, aber zu unterscheiden, allen mit Respekt zu begegnen, sanft aufzutreten (2,17; 3,16) und so „unaufdringlich missionarisch“ zu sein. Tragen Christen heute dazu bei, das Europa zu verwirklichen, „das auch für Fremde zur Heimat wird“?

Suche nach Heimat in der Fremde…

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…brachten die Teilnehmenden zum Klatschen.
Migration löst traditionelle religiöse Zugehörigkeiten auf; sie haben keinen Ort mehr, sondern sind im Fluss. Amélé Ekué, aus Togo stammende ökumenische Migrationsspezialistin, sprach facettenreich über die „Suche nach der Heimat in der Fremde“. In Migrationskirchen können die schmerzhafte Erfahrung der Fremdheit, Leid, Mangel und Ausweglosigkeit verarbeitet werden. „Ich glaube, dass meine Gebete in der Gemeinde in meinem Leben etwas ändern, materiell und geistlich“, zitierte Ekué eine Migrantin. Offenbar „gewinnen die pentekostal-charismatischen Kirchen zunehmend an Attraktivität“ auch bei Migranten aus Kirchen, die einst von Missionaren gegründet wurden.

…mit biblischen Vorbildern

Die Referentin stellte Migrationskirchen als Orte dar, in denen Menschen ihre existentielle Befindlichkeit im Übergang ausdrücken und mit anderen teilen können. „Wer war ich gestern, wer bin ich heute und wer werde ich morgen sein?“ Diese Fragen stehen in den Gottesdiensten im Raum, die wandernden, teils vertriebenen oder verschleppten Menschen, von denen die Bibel erzählt, ganz nah. Andererseits „geht es christlichen Migranten vor allem auch darum, den Glauben zu teilen – und sie stehen dafür mit einer Unmittelbarkeit ein, die in vielen kirchlichen Milieus Europas fremd geworden ist“.

Die Vorurteile aufweichen

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Missionarische Herausforderung: Martin Breitenfeldt, neuer Direktor von mission 21
Inwiefern sind Migrationskirchen Orte sozialer, politischer oder religiöser Integration? Ekué schloss ihren Vortrag mit Gedanken zum Thema der Tagung, welches am Nachmittag in Workshops weiter bearbeitet wurde. Die restriktivere Migrationspolitik europäischer Staaten habe seit den 1990er Jahren zu einer „Festungsmentalität und abwehrenden Wahrnehmung von Migranten“ geführt. Einheimische und Migrationskirchen sollten dies einzeln und gemeinsam zu korrigieren suchen. Bei alledem, so Ekué, werden Christen auch verunsichert, ihre vertrauten Welten zerfallen – das gemeinsame Zeugnis des Glaubens bindet sie zusammen.

Überforderte Leiter

Joëlle Moret, Ethnologin an der Uni Neuenburg, beleuchtete die unterschiedlichen Funktionen, welche Migrationskirchen haben: Sie sind für staatliche Stellen wichtig, weil durch sie Information an Menschen geht, die oft weder DRS hören noch Zeitung lesen. Sie leisten wichtige Dienste und können auch zur Vertretung von Interessen genutzt werden. Dabei dürften sie nicht instrumentalisiert und überfordert werden, sagte Moret.

Damit Information ankommt

In den Workshops wurden kirchliche und lokale Aspekte bearbeitet. In Basel geht es etwa darum, dass Migranten überhaupt von den bestehenden Beratungsangeboten erfahren. Die Reformierten würden von Zugewanderten mit gefährdetem Aufenthaltsrecht noch als ‚Staatskirche’ (Verbindung zur Polizei!) wahrgenommen, hiess es. Wenn Pastoren von Migrationskirchen zu Info-Tagen eingeladen werden, sollten die Veranstalter auch ihre Spesen bezahlen und dafür sorgen, dass ihnen am Arbeitsplatz keine Nachteile erwachsen, sagte Lilo Roost Vischer von der baselstädtischen Integrationsstelle.

Miteinander Kirche

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Die Leiter von Migrationskirchen nicht überfordern: Joëlle Moret, Ethnologin.
Deutlich wurde, dass einheimische Christen kaum Brücke sein können, ohne sich kritisch mit ihrer eigenen Tradition auseinanderzusetzen. Vor allem Tun, so ein Workshopleiter, ist das Bewusstsein zu fördern: Wir sind miteinander Kirche! Migranten und Einheimische sollten dies gemeinsam einüben. Dazu gehört, dass Migranten ihre Geschichte erzählen können und man sich auf ihren Hintergrund einlässt.

Webseite: www.mission-21.org

Datum: 05.11.2008

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