Schweizer Familienpolitik
«Mythos der heilen Familie» beerdigt
Eine Fachtagung der Eidgenössischen Koordinationskommission für die Familie (EKFF) unter dem Thema «Die heile Familie - Familien zwischen Tradition und Moderne» hat am 22. Juni in Bern die traditionelle Familie als Auslaufmodell beschrieben. Sie zeigte aber auch deutlich die Konsequenzen dieser Entwicklung auf.«Das Konzept der traditionellen Familie» sei schon in den 80er-Jahren zusammengebrochen, ist die Pariser Familiensoziologin Martine Segalen überzeugt. Familien hätten sich immer wieder verändert, nicht nur in den letzten Jahrzehnten. Auch die Diskussion über den Verfall der Familie habe es immer schon gegeben.
Heute stecke die Familie vor allem wegen der ökonomischen Situation in Problemen. Diese dränge zunehmend beide Eltern in die Erwerbsarbeit, wobei viele dies selber wünschten, insbesondere die gut ausgebildeten Frauen, von denen 2/3 mit Kindern unter 7 Jahren heute erwerbstätig seien. Andererseits fehlten Arbeitsplätze für wenig Qualifizierte. Am meisten auf Hilfe des Staates angewiesen seien die Immigrationsfamilien.
Gesellschaft verlangt mehr Verantwortung von Familien
Die Gesellschaft tendiert dazu, die Familie angesichts zunehmender Probleme mit Jugendlichen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Dies beobachtet der französische Soziologieprofessor Claude Martin. Das sei angesichts der Realitäten unbefriedigend. Er verlangt daher eine öffentliche Diskussion über die Aufgabe und Rolle der Elternschaft angesichts der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Er wies dabei insbesondere auf den Arbeitsmarkt hin, der immer weniger sichere Stellen anbiete, sodass die Eltern mit einem Doppelverdienst das Ausfallrisiko auffangen müssten.Aufsehen erregte die Beobachtung von Martin, dass sich die Kinder in Frankreich subjektiv relativ unwohl fühlen, obwohl das Land eine sehr fortschrittliche Familienpolitik mit guten monetären Leistungen und Betreuungsangeboten betreibt. Beim subjektiven Kindeswohl liege Frankreich dennoch hinter Rumänien, sagte Claude Martin.
Zuletzt bleibt das Band der Blutsverwandtschaft
Das Dreieck Vater-Mutter-Kinder ist definitiv aufgebrochen. Dies geht aus den Ausführungen von Andrea Maihofer, Familienwissenschafterin und Genderforscherin an der Universität Basel, hervor. Geblieben sei lediglich das Band zwischen Vater/Mutter und Kindern und somit die Bindung der Blutsverwandtschaft. Die Abkehr von der «bürgerlichen Kleinfamilie» und die Entwicklung zu Einelternfamilien, Singlehaushalten, Konkubinats- und homosexuellen Paaren sei nicht mehr aufzuhalten. Dennoch sähen sich viele Männer nach wie vor in der Pflicht, eine Familie ernähren zu können. Doch die Einverdienerfamilie setzt die Mütter einem hohen Risiko aus, so Maihofer: «Wenn man einen Partner wählt, mit dem man Kinder haben will, muss man sich klar sein, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ein Partner fürs Leben sein wird.»Trotzdem suchten Menschen, die eine Familie jedwelcher Form gründen, darin vor allem die emotionale Qualität, so Maihofer: «Familie ist das Resultat individueller Entscheidungen.» Das damit einher gehende Problem: je individueller die Familienentwürfe werden, umso stärker sind sie auf eine gute öffentliche Infrastruktur (insbesondere Kinderbetreuung) angewiesen. Das Bewusstsein der Beteiligten nehme aber zu, so Maihofer, «für ihr eigenes Leben ... selbst verantwortlich zu sein». Eine Folge des Individualisierungsprozesses.
Sozialtechnologischer Ansatz dominiert Familienpolitik
Der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof belächelte das Festhalten der SVP im Verein mit Evangelikalen, EVP und konservativen Katholiken an der traditionellen Familie im Sinne eines «Stittlichkeitsverbandes und als Kerninstitution der Nation». Der SVP fehle die weltanschauliche Begründung für ihre Forderungen, während sich Liberale und Sozialdemokraten auf einen «sozialtechnologischen» Ansatz verständigt hätten. Mit diesem dominierten sie die Familienpolitik mit Forderungen nach Gleichstellung, Chancengleichheit und familienexternen Betreuungseinrichtungen. «Familien waren noch nie so sehr auf gute Rahmenbedingungen, also eine gute Familien-politik, angewiesen wie heute», betonte Jürg Krummenacher, Präsident der EKFF, in seinem Fazit. Hier habe die Schweiz noch einen grossen Aufholbedarf. Die Anschubfinanzierung für Krippen reiche noch lange nicht aus. Krummenacher kündigte eine Publikation «Elternzeit - Elterngeld» an, um politischen Druck zu erzeugen. Es sei aber falsch, Familienpolitik nur aus dem Aspekt der Kosten zu sehen. Es gehe um viel mehr, nämlich um die Frage: «Welche Gesellschaft wollen wir?» Die Schweiz müsse eine eigentliche Generationenpoltik entwickeln, weil Familien immer noch viele Leistungen erbringen, die der Staat nicht bezahlen könnte.
Kommentar
Eklatante Widersprüche
Von Fritz Imhof
Die Experten an der Fachtagung der EKFF sahen keine Umkehrmöglichkeit zur traditionellen bzw. «modernen» Familie. Die Gesellschaft lege den Schwerpunkt eindeutig auf das Wohl des Individuums, auf Kosten von verbindlichen Familienstrukturen. Kinder- und Frauenrechte sind wichtiger geworden als die Anliegen der «Familie». Die individuelle Entscheidung hat Priorität, was sich negativ auf Eheschliessung und Kinderzahlen auswirkt.
Die öffentliche Hand bremst bei den sozialen Ausgaben, während der EKFF-Präsident darauf hinweist, dass Investitionen in die Zukunft der Gesellschaft dringend sind. Nur schon, um nicht noch mehr Schaden und zukünftige Kosten zu generieren. Doch die Experten stellen auch fest, dass der Trend in der Schweiz verstärkt die Verantwortung der Familie und die Eigenverantwortung betont. Wie soll dieser Widerspruch aufgelöst werden?
Im Blick auf die Alterspflege wird die Wichtigkeit von generationenbezogenen Familiennetzwerken unterstrichen, also Familien, wo man füreinander solidarisch da ist, wenn man einander braucht. Gleichzeitig nimmt man mit lakonisch zur Kenntnis, dass es immer weniger solche Familien gibt.
Die Statistik stellt fest, dass immer weniger Eltern ausreichend Zeit in die Betreuung und Erziehung investieren (können). Gleichzeitig betonen Politik und Wirtschaft den Stellenwert der gut ausgebildeten Frauen (Mütter) am Arbeitsplatz, sind oft nicht bereit, den Eltern dazu die nötige Infrastruktur zur Betreuung ihrer Kinder zur Verfügung zu stellen oder flexible Arbeitszeitmodelle für Väter und Mütter zu schaffen. Ebenso wenig weiss die Gesellschaft die Aufgabe einer guten Erziehungsarbeit zu schätzen, für die sie den Eltern auch den nötigen Freiraum einräumen würde. Mütter, die wegen der Kinder auf Erwerbsarbeit verzichten, stehen unter Rechtfertigungsdruck wie noch nie.
Gesellschaft und Politik sollten nicht vorzeitig kapitulieren. In Frankreich zum Beispiel liess die Familienpolitik, die Eltern mehr Wahlfreiheit gab, seit 1995 die Heiratsquoten und Kinderzahlen wieder spürbar ansteigen.
Quelle: SSF
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