Krise: „Gegeneinander muss dem Miteinander weichen“

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Wieder mehr Solaridität pflegen.
Um langfristig aus der Wirtschaftskrise herauszufinden, muss das Zusammenleben lokal und weltweit verbessert werden, ist der Theologe Thomas Wallimann-Sasaki überzeugt: Das Gegeneinander muss einem Miteinander weichen.


Der Theologe Thomas Wallimann äussert sich zur Wirtschaftskrise und zu Sozialprinzipien: Der auf sich gestellte Markt führt zu Zerstörung, lautet eine seiner Thesen.

Theo Bühlmann: Bei "Wirtschaftskrise" denken die meisten an Börsen, Unternehmen und ans Geld, aber kaum an Werte. Was hat sie mit Werten zu tun?
Thomas Wallimann: Die Ökonomie steht auf Grundlagen, die sie nicht selber schaffen kann. Wirtschaftsleute, vor allem jene aus dem Finanzbereich, sagten nur immer, die Politik "mische" sich zu sehr ein. Sie blendeten aus, dass das System auch wirtschaftlich verursacht zusammenbrechen kann. Neben den ökonomischen Gründen, die man als Marktversagen zusammenfassen kann, besteht die Krise vor allem aus einem Vertrauensverlust. Wir sind beispielsweise nicht mehr sicher, ob das Geld seinen Wert behält. Damit landen wir bei den menschlichen Werten.

Als Krisenbekämpfung pumpen die Staaten mit Konjunkturpaketen und Nationalbanken Geld in wirtschaftlich wirksame Bereiche. Reine Symptombekämpfung?
Wallimann: Man gewinnt den Eindruck, dass die wirtschaftlichen und politischen Führungsleute kaum eine Ahnung haben, wohin es gehen soll. Und es kommt das ungute Gefühl auf, die Hilfspakete könnten vor allem dazu da sein, den Zirkel der Mächtigen zu stärken, damit sie trotz allem noch gut wegkommen, während andere "die Suppe" auslöffeln werden.

Dazu gehört, dass selbst politische Entscheidungsträger heute ökonomisch denken?
Ja, fast alle tun das. Man hat gesunden Menschenverstand über Bord geworfen: Alle wollten immer mehr haben und dafür nichts mehr bezahlen. Wer warnte, das könne nicht aufgehen, den lachte man aus.

Es ist auch eine Krise der Information und Ausbildung: Was haben Ökonomielehrer während den letzten zwanig Jahren den Leuten beigebracht? Einfachste ökonomische "Wahrheiten" zählten nicht mehr. Darum hat die Krise auch durch den Mitläufereffekt so grosse Ausmasse erhalten. Nun fragt sich, wie mit Gewissensbildung und Autorität umgegangen wird: Wer oder was ist für mich der Massstab? Und wem laufe ich wie sehr hinterher?

Autoritäten jeder Art, ja auch Wissenschaften, müssen kritisch hinterfragbar sein, sonst haben wir ein totalitäres System. Ich denke, wir sind in weiten Kreisen, vor allem im Finanz- und Wirtschaftsbereich, in eine solche Situation hineingeraten.

Und man rückte individuelle Nutzenmaximierung ins Zentrum des Handelns.
Man machte sich nie bewusst, welche Konsequenzen dies nach sich zieht: Der Markt, auf sich allein gestellt, führt zwangsläufig zur Zerstörung der Gemeinschaftsverhältnisse. Weil er die Reichen und Habenden zunehmend bevorzugt und die Armen benachteiligt.

Sie haben in Vorträgen gesagt: Wer die Zukunft plant, tut das aufgrund von Grundwerten. Wie meinen Sie das?

Zurzeit ist es klüger zu fragen: Welche Zukunft erträumen wir uns? Denn in den Träumen stecken Erwartungen, was uns wirklich wichtig und wertvoll ist. Und aus diesem Blickwinkel heraus können wir überlegen, welche Schritte dahin führen.

Wenn wir zum Beispiel so alt werden möchten, dass für uns mit 80 Jahren gesorgt ist, dann rechnen wir mit der jungen Generation und geben ihr das Vertrauen. Und wir realisieren daraus politische Ziele, die auch etwas kosten. Beispielsweise ein Sozialsystem, das solidarisch getragen wird.

Welche Grundeinstellung muss sich also verändern?
Not tut die Einsicht, dass wir uns letztlich nur verwirklichen können im Rahmen einer menschlichen Gemeinschaft, zu der wir gehören. Wir betrachten dann unsere Mitmenschen nicht länger als Konkurrenten, Kunden oder Mitanbieter, sondern als Partner. Sie haben zwar auch eigene Interessen, aber wir wissen: Nur das, was wir im Sinne eines Miteinanders anpacken, wird für alle gut. Ich kann nicht meine Interessen über alles stellen.

Damit ich leben kann, leisten viele andere Menschen auch einen Beitrag. Daraus wächst meine Verpflichtung zu schauen, wie es andern geht. Und ich darf mich nicht darauf verlassen, dass dies der Markt, der Sozialstaat oder irgendwer regelt. Das bricht jeder Eigennutzenorientierung die Spitze!

Wir müssen uns also um Gemeinschaftsbildung kümmern. Einfach so - ohne Lenkung und Zielsetzung - entsteht die aber nicht.
Der Markt allein bringt das wirklich nicht, das sehen wir ja jetzt. Er ist unter Umständen ein ideales Instrument, damit es in unserer Gesellschaft einigermassen funktioniert. Aber die Richtung, wohin es gehen soll, die müssen wir vorgeben. Der auf sich gestellte Markt führt zu Zerstörung.

Ist also entscheidend zum Erreichen einer besseren Zukunft, dass wir zuerst besser miteinander umgehen lernen - und nicht "nur" die Probleme mit Kreditsystem, Staatsfinanzierung, Klimaveränderung, Mobilität und so weiter. angehen?
Ja, wir müssen meines Erachtens mit langfristiger Optik unser Zusammenleben weltweit auf ein besseres Fundament stellen, sonst machen wir nur Symptombekämpfung. Der Hunger auf der Welt zeigt ebenso wie die sinnlose militärische Rüstung, dass wir in unseren Gesellschaften noch nicht viel weiter gekommen sind.

Welche Grundlagen helfen bei der anstehenden Vertrauens- und Gemeinschaftsbildung?
Konkret helfen könnten die Prinzipien der katholischen Soziallehre, die notabene auch in einer Krisenzeit am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden und heute ebenfalls Allgemeingut einer überkonfessionell christlichen Sozialethik sind. Sie enthalten hilfreiche Wegweiser und Leitplanken - auch in der heutigen Situation.

Welches sind die in dieser Soziallehre postulierten Sozialprinzipien?
Das Personalitätsprinzip sagt: Wirtschaft (und Politik) sind für die Menschen da - und nicht die Menschen für sie. Das bedeutet beispielsweise: Man macht nicht Gewinn, nur um wieder vier Prozent mehr zu haben - sondern damit man etwas für die Menschen tun kann im entsprechenden Wirtschafts- und Gesellschaftsbereich.

Das Solidaritätsprinzip im christlichen Verständnis bedeutet: Ich handle so, dass ich auch an die Menschen denke, die zwischen Stühle und Bänke fallen. Sie können oft nichts dafür, weil dies an den Strukturen liegt. Wir dürfen nicht einfach nur egoistisch an uns selbst denken, sondern müssen immer die Option für die Benachteiligten einbeziehen und dafür sorgen, dass sie nicht unter die Räder kommen.

Welches ist Ihres Erachtens das am meisten vernachlässigte Sozialprinzip?

Ich denke, das Gemeinwohlprinzip, welches verlangt, es solle allen gut gehen. Dazu müssen nicht zwingend alle gleich viel haben, aber die Unterschiede dürfen nicht zu gross werden, dass das soziale Gefüge auseinander bricht. Vor allem darf es nicht passieren, dass die einen immer nur profitieren, während die andern immer schlechter wegkommen oder die Lasten tragen müssen.

Das oft missverstandene Subsidiaritätsprinzip bezieht die unterschiedlichen Ebenen mit ein: Für gewisse Dinge musst du allein besorgt sein, gewisse Angelegenheiten sind in der Partnerschaft und Familie zu lösen, für anderes sind Gemeinde oder Staat verantwortlich. Die unteren Ebenen sollen durchaus selbstverantwortlich handeln, aber von den oberen Ebenen Hilfe anfordern können, wenn sie allein überfordert sind. Und es muss ihnen geholfen werden. Man darf nicht für alles den Staat bemühen; aber wenn in der Gesellschaft und Politik zu vieles auf Eigenverantwortung ausgelegt ist, dann sind wir auf einem Auge blind.

Das Nachhaltigkeitsprinzip bedeutet: Ich rode von einem Wald nur so viel, wie nachwachsen kann, damit auch später genug da sein wird. Bezogen aufs Wirtschaften: Wir müssen vom kurzfristigen "Quartals-Wahnsinn" wegkommen und wieder längerfristig nach gutem Wirtschaften fragen.

Personalität, Solidarität, Gemeinwohl, Subsidiarität, Nachhaltigkeit: Wo haben sich diese fünf Prinzipien konkret bewährt?
Sie bewährten sich beispielsweise im schweizerischen Sozialsystem beim Aufbau der Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung (AHV) und der Invaliden-Versicherung (IV). Auch die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die zum sozialen Frieden beiträgt, funktioniert mit diesen Prinzipien. Sie bewähren sich bei der Entwicklung der Europäischen Union, sie widerspiegeln sich im Uno-Gedanken, und man findet sie 1:1 in den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Und schliesslich sind diese Sozialprinzipien auch in der Entwicklungszusammenarbeit wichtig.

Thomas Wallimann-Sasaki ist Leiter des KAB-Sozialinstituts in Zürich Das KAB kann als Anlaufstelle für Informationen und Fragen zur Soziallehre und den Sozialprinzipien genutzt werden: www.sozialinstitut-kab.ch

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Datum: 17.07.2009
Autor: Theo Bühlmann
Quelle: KIPA

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