Gewalt im Fussballstadion

«Für die Zuschauer gibt es keine Regeln»

Der Christliche Polizeiverband hat eine Broschüre über Gewalt und Gewaltprävention veröffentlicht. Darin vertritt der Basler Philosoph Hans Saner eine brisante These zur Gewalt rund um den Fussball. Wir bringen einen Auszug.

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Dr. Hans Saner: Basler Philosoph.
CPV: Herr Saner, wo beginnt denn beim Fussball die Gewalt?

Bei den Spielern beginnt die Gewalt mit der Regelverletzung, insbesondere mit dem Foul und dem Betrugsversuch, z.B. der Schwalbe. Beides wird geahndet, weil diesem Spiel ja eine erzieherische Idee zugrunde liegt. – Die Zuschauer aber sind am Erfolg ihrer Mannschaft interessiert und sie werden vom Spiel «mitgerissen», ohne dass sie Regeln befolgen müssen.

Wenn die eigene Mannschaft verliert oder am Verlieren ist, kann sich die Unzufriedenheit und die Aggressivität gegenüber dem «Schuldigen» entladen, stamme er nun aus der eigenen oder der anderen Mannschaft.

Diese Reaktion wird zu einem eigenen Spiel, auf das sich viele vorbereitet haben, z.B. mit Gesängen, mit Alkohol und vielleicht mit Drogen. Es braucht dann wenig, dass die Aggressivität überbordet und jeder Kontrolle entgleitet.

Ist Aggression angeboren oder konditioniert?

Ich glaube nicht an eine angeborene Aggressivität. Angeboren ist uns eher ein Verhalten zur Flucht oder zur Notwehr, aus dem Willen zum Leben. Von unserer Natur her sind wir nicht zwingend aggressiv; aber wir sind vielleicht durch unsere Lebensgeschichte aggressiv geworden. Jedenfalls können wir lernen, die Aggressionen zu kontrollieren. Leider ist jedoch der Sport zu einem Konditionierungsfeld der Gewalt geworden, insbesondere der Fussball.

Wir müssen uns fragen, ob wir nicht auf Grund höherer Interessen den kommerziellen Fussball abschaffen sollten. Denn in diesem Spiel wird der Gegner und neuerdings auch der Spielort zunehmend als Feind gesehen. Wer zum «Feind» «meiner» Mannschaft gehört, ist dann auch mein Feind. Das löst eine negative Dynamik aus. Jedenfalls wäre es gut, wenn wir aus dem «Spiel» der Zuschauer ein Regelspiel machen könnten.

Anders ist es z.B. beim Skifahren, wo ich eher von einer «reflexiven» Gewalt sprechen würde. Der Skifahrer erlebt die Gefahr seines Sports unter Umständen als Gewalt gegen sich selbst. Er schädigt nicht andere, sondern sich selbst. - Beim Fussball spielt auch die Masse mit, die den Gewaltausbruch begünstigt.

Also den Hooliganismus?

Der Übergang oder der Sprung vom Spiel zur Gewalt ist unberechenbar. Wenn es beim Spielcharakter bliebe, wäre das Problem kleiner, dass plötzlich das Spiel in pure Aggressivität kippt, die dann nur schwer aufzuhalten ist.

Ist diese Erscheinung nicht nur auf bereits gewaltbereite Hooligans einzuschränken?


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Wahrscheinlich schon. Es geht jedenfalls um ein angelerntes Verhalten. Hooligans könnten auch umlernen. Doch die Chance, dabei zu sein, ohne in Gewaltbereitschaft abzudriften, nimmt für sie dem Spiel den besonderen Reiz. Dieser Fussball-Zuschauer will ja nicht nur ein fachmännischer Betrachter sein, das wäre für ihn zu langweilig. Er versteht sich vielmehr als Fachmann, der entscheidet, wann die Rache konkreter werden muss. Er lässt sich an der Spiel-Wirklichkeit «aufgeilen». Er beteiligt sich am Begleitspiel zum Fussballspiel, das allein ihm vielleicht zu langweilig wäre.

… und sich dann ausserhalb des Stadions fortsetzt?

Es kann sich beliebig fortsetzen. Die zweite Halbzeit ist dann die halbe Nacht.

Sind solche Leute nicht durch eigene Gewalterfahrung geprägt?

Vielleicht. Aber es gibt auch eine Mode, wie sich ein Typus von Jugendlichen beim Fussballspiel verhält. Er geht gerade wegen dieser Spannung zum Fussballspiel, wo er dann eine Parallelwelt erlebt, die nicht durch Regeln eingeschränkt ist: Ein Spiel, das ihn vollständig erfüllt.

Ist das moderne Fussballbusiness ohne diese Erscheinung gar nicht mehr denkbar?

Ich vermute, dass das Fussballbusiness diese Phänomene nicht nur in Kauf nimmt, sondern bewusst fördert. Die Zuschauer werden aufgepeitscht, weil es dann für alle interessant wird. Wenn es lebensgefährlich und destruktiv wird, weinen die Verantwortlichen Krokodilstränen.

Und eine heuchlerische Presse badet sich im Entsetzen darüber. Es handelt sich aber um die ganz natürliche – und gewollte – Parallelerscheinung des Massenspiels Fussball. Zwar reagiert die Mehrheit der Zuschauer anders. Aber was sich unter einer bestimmten Schicht von Jugendlichen abspielt, folgt diesem Muster.

Wie könnte also Gewaltlosigkeit gelernt werden? Durch Erziehung?

Im Wesentlichen schon. Früher waren es Sport und Spiel, die uns lehrten, mit Anstand zu gewinnen und zu verlieren. Wir nannten es Fairness. Sie war erzieherisch wertvoll. In einer gewissen Schicht der Bevölkerung hat sich die sportliche Fairness ins Gegenteil verkehrt. Das Spiel ist zum Anlass geworden, gewalttätig zu sein.

Sie sprechen aber auch von Tendenzen zur Abnahme von Gewalt.


Die Gesellschaft hatte immer eine ambivalente Beziehung zur Gewalt und erlaubte sich von Zeit zu Zeit Gewaltorgien, zum Beispiel Kriege von unvorstellbarer Grausamkeit. Im Verhältnis dazu ist ja jede Sportveranstaltung eine Sonntagsschule. Es gibt nun eine Tendenz, die kriegerische Form der Gewalt zu überwinden. Dazu hat die Vereinigung von Europa viel beigetragen. Innereuropäische Kriege werden unwahrscheinlicher, ähnlich wie Kriege zwischen einzelnen Staaten von Nordamerika.

Vielleicht lässt sich diese Überwindung des Krieges auf das Verhältnis der Kontinente zueinander ausdehnen. Die Geschichte hat örtliche Lernprozesse ausgelöst, wenn nicht alles täuscht. Schade, dass der Fussball so weit nachhinkt.


Webseite:
Christliche Polizei-Vereinigung Schweiz

Der Philosoph Dr. Hans Saner wurde 1934 in Grosshöchstetten geboren, studierte Psychologie, Germanistik und Philosophie und gab den wissenschaftlichen Nachlass seines Lehrers Karl Jaspers heraus. Er äussert sich oft und klar zu drängenden philosophischen und politischen Zeitfragen.

Buchtipp «Umgang mit Gefühlen»:
Richtig mit Gefühlen umgehen – statt von ihnen beherrscht zu werden

Datum: 05.09.2011
Quelle: Livenet / CVP

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