Nachgeforscht

Was ist das Gewissen?

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«Ich habe ein schlechtes Gewissen» - diesen Satz hat wohl jeder schon einmal von sich gegeben. Manch einer wurde schon von Gewissensbissen geplagt oder steckte gar in einem Gewissenskonflikt. Das Gewissen ist also allgegenwärtig - doch was ist das Gewissen?

Das Gewissen ist eine angeborene Fähigkeit, Recht und Unrecht beurteilen zu können. Das Gewissen ermahnt uns, das zu tun, was wir für Recht halten, und es hält uns davon zurück, das zu tun, was wir für Unrecht halten. Gewissen ist gemeinsames Wissen mit sich selbst. Das heisst, unser Gewissen kennt unsere inneren Beweggründe und wahren Gedanken. Das Gewissen geht über den Verstand und den Intellekt hinaus. Wir mögen zwar versuchen, uns selbst in unserem eigenen Denken zu rechtfertigen, aber ein verletztes Gewissen lässt sich nicht so leicht überzeugen.

«Wahn von Schuld und Gewissen»

Das Gewissen wird im Allgemeinen als eine besondere Instanz im menschlichen Bewusstsein angesehen, die sagt, wie man urteilen soll. Es drängt bestimmte Handlungen auszuführen oder zu unterlassen. Das einzelne Gewissen wird meist als von Normen der Gesellschaft und auch von individuellen sittlichen Einstellungen der Person abhängig angesehen. Üblicherweise fühlt man sich gut, wenn man nach seinem Gewissen handelt; das ist dann ein gutes oder reines Gewissen. Handelt jemand entgegen seinem Gewissen, so hat er ein schlechtes Gefühl oder Gewissensbisse. Viele Menschen versuchen ihr Gewissen zu unterdrücken, oder sogar ganz zum Schweigen zu bringen.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche behauptete: «Das Gewissen ist die tiefste Erkrankung des Menschen, deshalb weg mit dem Wahn von Schuld und Gewissen.» Adolf Hitler lag auch auf dieser Linie: «Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung, eine Verstümmelung des menschlichen Wesens. Ich befreie den Menschen von der schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigung.»

Gewissen kann abstumpfen

Das Gewissen ist keine starre Instanz, die für alle Zeiten das Richtige anzeigt. Im Gegenteil: Jede einzelne Übertretung in meinem eigenen Leben macht mein Gewissen. Kein Gewissen kann darum als absolut rein und unfehlbar deklariert werden. Mit einem solchen verbogenen Gewissen setzt sich beispielsweise der Apostel Paulus in der Frage auseinander, ob Christen Fleisch essen dürfen, das Götzen geopfert ist, oder nicht. Seine Antwort lautet: Vor Gott machen wir uns damit nicht schuldig, wenn wir es essen, aber wir machen uns schuldig, wenn wir das Gewissen eines anderen dadurch belasten.

Ein Geschenk

Das Gewissen wird manchmal als ein Defekt angesehen, der den Menschen ihr Selbstbewusstsein raubt. Das Gewissen ist jedoch weder Defekt, noch Störung. Es ist vielmehr die Möglichkeit, unsere eigene Schuld verspüren zu können - ein enormes Geschenk Gottes. Gott hat jedem Menschen ein Gewissen gegeben, das ihn wegen ganz bestimmter unrechter Dinge anklagt. Es ist nicht so, dass das Gewissen alles anzeigt, was verkehrt ist. Das Gewissen wird durch die Umgebung beeinflusst und geformt. Gott hat dafür gesorgt, dass alle Menschen, auch solche, die nie etwas von Gott gehört haben, innerlich gemahnt werden, wenn sie bewusst Dinge tun, von denen sie wissen, dass sie nicht gut sind.

Das Gewissen darf nicht mit der Stimme Gottes oder dem Gesetz Gottes verwechselt werden. Es ist eine menschliche Fähigkeit, die unser Tun und Denken beurteilt. Wenn wir unser Gewissen verletzen, verurteilt es uns und löst in uns Gefühle von Scham, Not, Reue, Bestürzung oder Beunruhigung aus.

Das Gewissen aus theologischer Sicht

In der Bibel wird das Gewissenserlebnis stets mit Gott verknüpft. Das Alte Testament kennt kein eigenes Wort für Gewissen. Vielmehr werden die Funktionen des Gewissens dem «Herzen» als dem Inneren des Menschen zugeordnet. Das hebräische Wort für Gewissen ist «leb». Es wird im Alten Testament gewöhnlich mit «Herz» übersetzt. Wenn die Bibel von einem weichen gewordenen Herzen spricht (2. Chronik, Kapitel 34, Vers 27), meint sie damit ein empfindsames Gewissen. Die «von Herzen Aufrichtigen» in Psalm 7, Vers 11 sind Menschen mit einem reinen Gewissen. Und als David in Psalm 51,Vers 12 betete: «Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz», wünschte er sich die Reinigung seines Lebens und Gewissens.

Es ist das Protokoll, das unser Tun in allen Einzelheiten registriert: «geschrieben mit eisernen Griffeln und auf die Tafel des Herzens gegraben» (Jeremia, Kapitel 17, Vers 1). Es ist der Ankläger, der Klage gegen uns führt, wenn wir schuldig sind, und es ist der Verteidiger, der uns in unserer Unschuld zur Seite steht: «Durch ihr Handeln beweisen sie, dass Gottes Gesetz in ihre Herzen geschrieben ist, denn ihr Gewissen und ihre Gedanken klagen sie entweder an oder sprechen sie frei.» (Römer, Kapitel 2, Vers 15).

Das Gewissen schärfen

Das Gewissen hat Zugang zu all unseren geheimen Gedanken und Motiven. Deshalb ist es ein objektiver Zeuge, als irgend sonst ein äusserlicher Beobachter. Wer ein anklagendes Gewissen zu unterdrücken sucht, um die falschen Zusicherungen eines menschlichen Beraters zu bevorzugen, spielt ein gefährliches Spiel. Böse Gedanken und Motive entgehen oft dem Blick eines menschlichen Beraters, aber dem Gewissen entgehen sie nicht.

Das Gewissen ist jedoch nicht unfehlbar. Es ist nicht die Aufgabe des Gewissens, uns moralische und ethische Ideale zu lehren. Es soll uns nach dem höchsten Standard von Recht und Unrecht, den wir kennen, ausrichten. Schuldgefühle sind ein wichtiges Notsignal, selbst wenn sie keine biblische Grundlage haben. Ein Christ täte gut daran, biblische Wahrheit zu erkennen, damit das Gewissen voll informiert ist und recht urteilt, weil es so auf die Bibel reagieren kann.

«Ich kann nicht anders»

Die Auslegung der Bibel ist bis heute die entscheidende Grundlage christlicher Gewissensbildung. In welcher Haltung und Erwartung die Menschen auf Gottes Wort hören, das ist also der entscheidende Schlüssel zur Bildung eines christlichen Gewissens. Die Freiheit der eigenen Entscheidung ist dabei wichtig, ja unersetzbar. Ein solches Gewissen kann den Menschen in schwierige Situationen führen. Für den Reformator Martin Luther war das zum Beispiel die denkwürdige Stunde vor dem Reichstag zu Worms 1521, als der Kaiser ihn zwingen wollte, seinen Ideen abzuschwören. Er aber blieb standhaft und folgte seinem Gewissen: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.»

Nicht immer ist eine Gewissensentscheidung so dramatisch. Aber immer wieder - das lehrt nicht nur die Bibel, sondern das zeigen auch viele Alltagssituationen - geht es um Grundsätzliches in der Beziehung zu den Mitmenschen, die für Christen die «Nächsten» sind.


Autor: Bruno Graber
Quelle: Livenet.ch

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