Kommentar

Der Wind dreht

Nach Jahrzehnten von religiöser Toleranz und Liberalismus reibt man sich in unseren westlichen Ländern verwundert die Augen. Wie ist es möglich, dass sich rundherum die Dinge immer mehr radikalisieren? Ein Kommentar von Bruno Waldvogel, reformierter Pfarrer der Gellertkirche Basel.

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Auch Demonstrationen in der Schweiz, Österreich und Deutschland deuten auf eine Radikalisierung hin.
Woran liegt es, dass in Ländern, die bisher in einem religiös gut erträglichen Miteinander gelebt haben, immer grössere Gräben aufgehen? Wie kommt es, dass Hunderte, wenn nicht gar Tausende von jungen Männern aus dem Westen zum Heiligen Krieg und Märtyrertod im Namen Allahs in den Nahen Osten reisen und mit getöteten Männern, Frauen und Kindern prahlen? Wir haben die Bilder und Namen vor Augen: Al-Qaida, Taliban, Boko Haram, Muslimbruderschaft, Hamas und jetzt IS. Auf den arabischen Frühling folgt der islamistische Winter. Wir sehen brennende Kirchen, gekreuzigte Christen, enthauptete Kinder und riesige Flüchtlingsmassen.

Aber wir müssen gar nicht erst gen Osten blicken. Wir erinnern uns an erstochene Islamkritiker, bedrohte Karikaturisten, flüchtende Aktivistinnen, brennende Feuerwehrautos, gesteinigte Sanitätswagen, No-Go-Areas in Städten und «Judenschweine!» skandierende Pöbel. Mitten in Europa. Hier bei uns im Westen. Der Wind hat gedreht.

Ursachenforschung

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Die vermummten IS Kämpfer
Die Erklärungsversuche fallen vielseitig aus. Verantwortlich ist die Aussenpolitik der USA. Schuld ist der Staat Israel mit seiner Siedlungspolitik. Ursache ist die Globalisierung, der Neokapitalismus. Schuld ist unsere Fremdenfeindlichkeit, der Rechtsextremismus. Doch die verhofften Gegenmittel wie Multikulti, Political Correctness und Antirassismus-Normen greifen immer weniger. Die Gleichung: Armut treibt in die Radikalisierung, geht erwiesenermassen schon lange nicht mehr auf. Zweifellos, die Radikalisierung in den Gesellschaften wächst, besonders was den Islam betrifft.  Philipp Loser schreibt in der Basler Zeitung: «Hier wird ein Kampf aus einer alten Welt geführt. Ein Kampf der Kulturen, ein Kampf zwischen den Religionen, den man eigentlich überwunden glaubte. Dass er es nicht ist, zeigen die Bilder. Es sind Bilder, wie aus einem anderen Jahrhundert. In der Wüste zwischen Syrien und Irak stecken schwarz vermummte Kämpfer einen Degen in den Boden und halten dazu den Koran in die Kamera. Und vor der Stiftskirche St. Gallen steht ein Vertreter der Christenheit und ruft zum bewaffneten Widerstand.»

Mehr Intoleranz wagen?

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Pfarrer Bruno Waldvogel-Frei
Natürlich: Wer die Szene genauer beobachtet, ist nicht wirklich überrascht. Warnende Stimmen gab es zuhauf. Das prophetische Buch «Kampf der Kulturen» von Samuel Huntington zum Beispiel. Oder die Bücher der Somalierin Ayaan Hirsi Ali. Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin wurde zur Persona Non Grata, als er sich «Deutschland schafft sich ab» von der Seele schrieb. «Der Krieg in unseren Städten» vom ehemaligen Referenten für Sicherheitspolitik, Udo Ulfkotte, wurde verboten. Mit Besänftigung, so glaubten gewisse politische Kreise, würde sich das Monster des Islamismus schon bändigen lassen. Sie irrten. Das Netz der Radikalen ist inzwischen fein gesponnen, auch bei uns in der Schweiz. Es dauerte fast zehn Jahre, bis man in den öffentlichen Medien kritische Stimmen hören konnte, ohne gleich in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Der Politikwissenschaftler Alexander Wendt schrieb kürzlich im «Focus»: «Mehr Intoleranz wagen!» Und später: «Wir müssen uns von dem Wahn verabschieden, alle integrieren zu wollen.» Der Wind dreht.

Radikalisierung wird weitergehen

Schon vor Jahren schrieb der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour die denkwürdigen Sätze: «Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes. Das Christentum hat teilweise schon abgedankt. Es hat keine verpflichtende Sittenlehre, keine Dogmen mehr.»

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Ein Propagandavideo dokumentiert die Enthauptung des US-Journalisten James Foley.
Die Radikalisierung wird weitergehen. Je tiefer sich die wirtschaftliche Krise in die Gesellschaften hineinfrisst, umso stärker wird die Bewegung «Zurück zum Stamm» und somit zu Radikalisierungen. Es gibt keine Patentrezepte. Aber es gibt ein paar Dinge, die wir besser machen können. Wir können einem –ismus nur dann den Nährboden entziehen, wenn wir wieder glaubwürdige Christen werden. Für viele Kulturen muss der Wert eines Glaubens gesellschaftlich sichtbar sein, da zwischen Kultur und Religion nicht getrennt wird. Ich erspare uns, die täglich öffentlich sichtbare Dekadenz zu kommentieren. Diese führt zur religiösen Radikalisierung von entwurzelten Secondos und Immigranten. Unser «Christentum» bietet ihnen keine wirklich glaubwürdige Alternative, sondern widert an. Es hat keine Strahlkraft.

Herausforderung an uns Christen

So paradox es klingen mag: Weichen wir dem Islam nicht aus, sondern treten wir bewusst mit dem Evangelium ein in den Wettstreit der Ideen und Weltbilder! Machen wir den Menschen – egal welcher Hautfarbe und Religion – die Werte und Lehren von Jesus Christus neu bekannt. Nehmen wir die Herausforderung durch den Islam dankbar an, denn er stellt uns nur die alte Frage aus Goethe's Faust: «Nun sag, wie hast du's mit der Religion?»

Wer einen friedlichen Islam will, braucht eine starke christlich geprägte Gesellschaft als Gegenüber, die ihn moralisch und menschlich in Schranken weisen kann. Der Wind dreht! Vielleicht ist der Tag nicht fern, wo wir uns als Christen schützend vor unsere muslimischen Mitbürger stellen müssen, weil eine gottlos und hilflos gewordene Gesellschaft plötzlich wieder Sündenböcke jagen will.

Zum Thema:
Eltern von James Foley: «Jimmy ist jetzt bei Gott im Himmel»
Beten und Einstehen: Solidaritätsaktion für Irak in Schweizer Gemeinden
Völkermord im Irak: Bitte hinschauen!
Als Helferin im Irak: «Es war mir eine Ehre, diesen Menschen zur Seite zu stehen»

Datum: 22.08.2014
Autor: Bruno Waldvogel-Frei
Quelle: Livenet

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Menschsein bedeutet, sich von Zeit zu Zeit auf Neues einlassen zu müssen. Für die einen ist das spannend, sie lieben das Abenteuer, das Entdecken und Auskundschaften. Für andere ist es eher anstrengend, sich auf Unbekanntes einzustellen.

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