Brasilien
Lulas rechte Hand greift nach den Stimmen der Gläubigen
Rund sechs Wochen vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien streckt Dilma Rousseff ihre Hand in Richtung der religiösen Wähler aus. Die in den Umfragen deutlich führende Kandidatin der regierenden Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) erklärte zu Wochenbeginn in einem offenen «Brief an das Volk Gottes», dass sie für Familienwerte stehe und deshalb nicht von sich aus eine Legalisierung der «Homo-Ehe» und eine Liberalisierung der Abtreibung vorantreiben werde.
Damit gibt die 62-Jährige Forderungen sowohl der katholischen Kirche sowie der evangelikalen Pfingstkirchen nach, die von ihr eine klare Aussage hierzu gefordert hatten.
Rousseff, Tochter eines bulgarischen Einwanderers, hatte sich in den späten 60er-Jahren trotzkistischen Oppositionsbewegungen angeschlossen. Von den damals regierenden Militärs wurde sie inhaftiert und gefoltert. Nach der Rückkehr zur Demokratie machte sie Karriere in der Politik, wobei sie stets liberale Positionen vertrat.
Treffen mit Bischöfen
Dies freilich hatte der Kandidatin zuletzt harsche Kritik der katholischen Kirche und der Pfingstkirchen eingebracht. Im vergangenen Monat wurde gar auf der Webseite der Brasilianischen Bischofskonferenz ein Aufruf veröffentlicht, Rousseff wegen ihrer liberalen Haltung die Stimme zu verweigern. In der vergangenen Woche nun traf sich die Kandidatin mit Vertretern der Bischofskonferenz in der Hauptstadt Brasilia. Inhalte des Gesprächs wurden nicht bekannt.
Es scheint jedoch, dass sich das Verhältnis deutlich entspannt hat. Dazu passt, dass die zwar katholisch erzogene, aber stets als unreligiös geltende Kandidatin in ihrem Brief nun für sie ganz ungewohnt religiöse Töne anschlägt. Darin bezeichnet sie die Sozialprogramme der Regierung als Versuch, Bürgerwerte zu schützen und «das Evangelium zu säen». Elend und soziale Schieflagen trügen zudem die fehlbare Handschrift des Menschen und nicht die eines «perfekten Gottes».
Die in seinen fast acht Amtsjahren massiv ausgeweiteten Sozialprogramme haben dem scheidenden Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva nie dagewesene Beliebtheitswerte beschert. Rousseff, die als Kanzleramtschefin federführend für die Umsetzung der Programme zeichnete, profitiert bei den Wählern nun in grossem Masse von der Popularität ihres Ziehvaters Lula.
Opposition gräbt liberale Aussagen aus
Die ob dieser Beliebtheit in die Enge getriebene Opposition witterte ihre Chance darin, Rousseff mit früheren liberalen Aussagen zu «Homo-Ehe» und Abtreibung Stimmen bei den religiösen Wählern streitig zu machen. Gut 20 Prozent der Wähler kommen inzwischen aus dem Lager der Pfingstkirchen, und mindestens genauso viele gelten als streng katholisch. Und mitentscheidend für deren Stimme ist eben die Position der Kandidaten zu diesen Themen.
Nicht von ungefähr also schreibt Rousseff in ihrem «Brief an das Volk Gottes»: «Es obliegt dem Kongress, eine ausgleichende Position in diesen Fragen von ethischen und fundamentalen Werten zu finden.» Von sich aus werde sie auf jeden Fall keine Änderungen der bisherigen Gesetze anstreben.
Wahlbarometer positiv
Die Idee, solch explosive Themen an den Kongress weiterzuleiten, ist nicht neu. Oppositionskandidat Jose Serra führt den gleichen Diskurs; die Grünen-Kandidatin Marina Silva will die Entscheidung gar jeweils einer Volksabstimmung überlassen. Dilma Rousseff versucht, sich damit ihrer wichtigsten Angriffspunkte zu entledigen.
Aufhalten kann sie auf dem Weg ins Präsidialamt voraussichtlich keiner mehr: Zeitgleich mit ihrem «Brief an das Volk Gottes» erschienen die neuesten Wahlumfragen, die sie bei mittlerweile 54 Prozent sehen.
Autor: Thomas Milz
Quelle: Kipa

