Freiburger Familieninstitut

Was interessiert die Wissenschaft an der Familie?

Freiburg. Das Freiburger Familieninstitut erforscht interdisziplinär Familie und Partnerschaft – und will die gewonnene Erkenntnisse für Eltern und Paare nutzbar machen. Mit dem Stresspräventionstraining für Paare bietet das Institut zum Beispiel einen "säkularisierten" Ehevorbereitungskurs für Paare an. "Wir vermitteln Paaren die Kompetenzen, um ihre Beziehung glücklich zu gestalten", erklärt der Institutsleiter und Professor für Klinische Psychologie Guy Bodenmann (40): "Das müsste doch auch die Kirchen interessieren."

Seit acht Jahren widmet sich an der Uni Freiburg ein eigenes Familieninstitut – das einzige der Schweiz – der Erforschung der Familie. Was interessiert die Wissenschaft an der Familie?

Man hat die Erforschung von Familie und Partnerschaft lange Zeit vernachlässigt. Ganz zu Unrecht, denn beides sind hoch spannende und wichtige Sozialformen, die während des ganzen Lebens eines Menschen prägend sind.

Für die Psychologie ist die Familie unter anderem interessant, weil sie die wichtigste Sozialisationsinstanz darstellt: Hier werden Werte, Normen und Verhaltensweisen vermittelt. Gleichzeitig ist es eine schwierige Aufgabe, in einer Partnerschaft zu leben oder Eltern zu sein – und trotzdem gibt es kaum wissenschaftlich fundierte Angebote, um Paaren und Eltern bei dieser Aufgabe zu helfen.

Es gibt doch eine unüberblickbare Flut von Ratgeberliteratur zu Partnerschaft und Familie

Das wenigste davon genügt wissenschaftlichen Kriterien. Dem Familieninstitut und den Universitäten generell kommt deshalb in diesem Bereich eine grosse Bedeutung zu, weil wir die Erkenntnisse aus der universitären Forschung, zum Beispiel im Bereich Psychologie, direkt an die Betroffenen, an Paare und Eltern, weitergeben können. Ergebnisse der Forschung mittels Büchern und Kursen zu popularisieren, gehört zu den zentralen Aufgaben unseres Institutes.

Ist es Zufall, dass das Familieninstitut gerade an der "katholischen" Universität Freiburg entstanden ist? "Familie" ist für die katholische Kirche ja ein wichtiger Wert und Bezugspunkt.

Das mag tatsächlich unterschwellig eine Rolle gespielt haben. Aber wir sind kein "katholisches" Institut und positionieren uns auch nicht religiös.

Am interdisziplinären Familieninstitut ist aber auch die Theologie vertreten. Was kann sie zum Verständnis der Familie beitragen?

Dank Moraltheologie-Professor Bénézet Bujo, der bei uns am Institut lehrt, stehen die Ehe und Familie in Afrika im Mittelpunkt: Welche Ehemodelle gibt es in Afrika, welches sind die dortigen Scheidungsgründe, wie beeinflussen sich Katholizismus und traditionelle afrikanische Strukturen? Familie und Ehe werden hier also auf dem Schnittpunkt von Theologie und interkultureller Forschung beleuchtet.

Ein Schwerpunkt des Institutes liegt im Bereich der Psychologie. Sie sind unter anderem der Frage nachgegangen, wie sich die hohe Scheidungsrate in der heutigen Gesellschaft erklären lässt. Wieso gehen Partnerschaften in die Brüche?

Unsere Studien haben gezeigt, dass nicht in erster Linie Persönlichkeitsmerkmale wie sozialer Status, Intelligenz oder Attraktivität über Glück oder Unglück einer Beziehung entscheiden, sondern dass Stress, Zeit- und Leistungsdruck ganz wichtige Faktoren sind – und wie Paare im Alltag damit umgehen können.

Stress ist an allem Schuld?

Stress ist ein wichtiger Faktor, der die Partnerschaftszufriedenheit beeinträchtigt und damit die Scheidungswahrscheinlichkeit ansteigen lässt. Stress schadet der Kommunikation. Paare kommunizieren in Stresssituationen gereizt, gehässig oder verweigern die Kommunikation ganz. Beides, negative wie fehlende Kommunikation, untergraben letztlich das Fundament einer Partnerschaft. Kommt hinzu, dass Leistungsdruck in der Arbeit auch die Gewichtung der Beziehung verringert: Eine Sitzung wird plötzlich wichtiger eingestuft als die gemeinsame Zeit mit dem Partner.

Stress ist ein Beziehungskiller. Das Familieninstitut bietet deshalb seit sechs Jahren ein selbst entwickeltes Stresspräventionstraining für Paare an. Worum geht es dabei?

Viele Paare unternehmen oft so lange nichts gegen ihre Beziehungsprobleme, dass auch eine Therapie nur noch bedingt helfen kann. Deshalb stellen wir die Prävention in den Vordergrund. Paare sollen befähigt werden, Risiken rechtzeitig zu erkennen und Probleme selber zu lösen. Dazu dienen etwa unsere Selbsthilfebücher.

In unseren Stresspräventionskursen, die ein Wochenende dauern, wollen wir den Paaren jene Kompetenzen vermitteln, die es braucht, damit eine Partnerschaft auf Dauer befriedigend funktionieren kann. Gute Kommunikation ist wichtig und die Fähigkeit, die Ressourcen einer Partnerschaft zu nutzen, um den Alltag gemeinsam zu meistern: Wie bekomme ich Unterstützung vom Partner? Und wie kann ich ihn unterstützen?

Lässt sich eine gute Beziehung tatsächlich im Wochenendkurs lernen?

Seit 1996 haben 400 Paare an den Stresspräventionstrainings des Institutes teilgenommen, und die Mehrheit von ihnen konnte die Kommunikation und den Umgang miteinander längerfristig verbessern. Aber für eine befriedigende Partnerschaft braucht es natürlich kontinuierliche Beziehungsarbeit.

Im Militär kennen wir das System der Wiederholungskurse. Ein solches WK-Prinzip wünschte ich mir auch für Paare. Es wäre sehr wichtig, regelmässig – alle ein oder zwei Jahre – in institutionalisierter Form etwas für die Partnerschaft zu tun. In der Regel strapaziert man das Gefäss Partnerschaft nur, investiert aber nichts darin.

Ihr Institut preist diese Kurse unter anderem als Ehevorbereitungskurse an. Sind diese Stresspräventionstrainigs so etwas wie die säkularisierte Variante der kirchlichen Ehevorbereitung?

Wir lassen philosophische, religiöse und kirchliche Aspekte der Partnerschaft und Ehe ganz bei Seite und konzentrieren uns auf die psychologischen Kompetenzen. In diesem Sinn könnte man unsere Trainings tatsächlich als säkulare Variante der kirchlichen Ehevorbereitung bezeichnen.

Zusammen mit Theologen haben wir aber auch eine ökumenische Variante des Präventionstrainings erarbeitet, in dem die psychologischen Aspekte angereichert sind mit theologischen Überlegungen und Bibelstellen zum Thema Partnerschaft. Unser Programm haben wir auch den Schweizer Bischöfen vorgelegt, weil es unserer Ansicht nach auch für die kirchliche Ehevorbereitung nützlich sein könnte. Von Seite der Kirche haben wir jedoch keine Reaktion bekommen, und das religiös erweiterte Stresspräventionsprogramm ist in der Schublade gelandet. Am Institut bieten wir nur die säkularisierte Variante an.

Neben den Kursen für Paaren bieten sie unter dem Stichwort "Positive Erziehung" (TripleP) auch Erziehungskurse für Eltern an. Worum geht es bei der "positiven Erziehung"?

Genauso wie bei den Paarkursen geht es hier darum, präventiv zu wirken. Diese Kurse richten sich nicht bloss an Familien mit Problemkindern, sondern an alle Eltern, die ihre Erziehungskompetenzen verbessern möchten, um so Fehler und Probleme in der Erziehung frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden, bevor daraus gravierendere Probleme entstehen.

Was vermitteln Sie dabei den Eltern?

Bei uns bekommen die Eltern konkrete Antworten und Tipps auf alle möglichen Fragen der Erziehung. Der Kern der "Positiven Erziehung" selbst lässt sich in wenigen Regeln zusammenfassen: Dem Kind soll eine sichere und zugleich anregende Umgebung geschaffen werden, die es gefahrlos selber entdecken kann und die es zum Lernen anregt. Ausserdem ist es wichtig, dass Eltern nicht nur Regeln aufstellen, sondern diese auch konsequent einhalten. Weiter sollte das Kind nach seinen Fähigkeiten gefördert und nicht nach den Wunschvorstellungen der Eltern überfordert werden. Und die Eltern dürfen dabei ihre eigenen Bedürfnisse nicht vergessen.

Das tönt recht banal!

Aber diese scheinbar selbstverständlichen Dinge werden oft nicht beachtet. Wenn im Wohnzimmer überall Steckdosen oder andere Gefahren lauern, müssen die Eltern ständig auf das Kind aufpassen, es warnen und zurechtweisen – das stresst die Eltern und schafft eine negative Interaktion zwischen Eltern und Kind: Fass das nicht an, lass das in Ruhe! Eine sichere und für das Kind anregende Umgebung entlastet somit die Eltern und ermöglicht eine positive Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Pessimisten sprechen von Zerfall und Niedergang der Familie in den letzten 40 Jahren. Was halten Sie als Familienforscher von dieser Einschätzung?

Wer so denkt, hat die "klassische" Familie vor Augen, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren existierte und wertet die heutige Vielfalt an Familien- und Partnerschaftsformen polemisch als "Zerfall" ab.

Wenn wir aber das Phänomen Familie in einer grösseren Perspektive betrachten, so sehen wir, dass es schon vor 100, 150 Jahren ähnlich plurale Lebensformen gab wie heute, wenn auch aus anderen Gründen. Es gab damals Frauen, die zwar sieben Kinder auf die Welt brachten, deren Familien aber wegen der hohen Kindersterblichkeit trotzdem nie mehr als drei oder vier Personen umfassten – eine Kleinfamilie. Und es gab viele Singles, weil Dienstboten, Mägde oder Knechte aus ökonomischen Gründen gar nicht heiraten konnten.

Also kein Niedergang von Familie und Ehe?

Nein. Die Familie – in ihren vielfältigen Formen – ist nach wie vor das, was die Menschen suchen, und auch die Ehe ist eine Form mit Zukunft. Umfragen zeigen, dass die Jugendlichen von heute immer noch Glück und Geborgenheit in einer lebenslangen Partnerschaft wünschen und suchen. Das zählt viel mehr als Karriere, Geld oder Prestige.

Und die Scheidungszahlen...

... zeigen, dass viele trotz des Wunsches, in einer stabilen Zweierbeziehung glücklich zu werden, an den Umständen scheitern. Das Gefäss Partnerschaft zerbricht häufig, weil man es nur aussaugt, es nur strapaziert, aber nichts in die Beziehung investiert. Aber drei Viertel aller Geschiedenen heiraten wieder – diese Beziehungsform bleibt also offenbar trotz der Scheidung attraktiv.

Partnerschaften und Familien funktionieren nur, wenn die inneren Mechanismen stimmen. Entscheidend sind aber auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Angenommen, der Bundesrat würde Ihr Institut mit der Ausarbeitung von Richtlinien für die zukünftige Familienpolitik beauftragen, wie sähen diese aus?

Der Staat sollte insbesondere dort die Familien entlasten, wo strukturell Stress vorhanden ist - das heisst durch die Schaffung von Krippenplätzen, Kinderhorten und Tagesschulen. Zudem sollten Familien noch stärker finanziell entlastet werden.

Interview: Stephan Moser

Das Familieninstitut der Universität Freiburg: Forschen, lehren, weitergeben

Das 1993 gegründete Institut für Familienforschung und Familienberatung der Universität Freiburg ist das einzige universitäre Institut der Schweiz, das zu Themen wie Familie und Partnerschaft forscht. Zu den Aufgaben des interdisziplinären Institutes – vertreten sind die Disziplinen Ethnologie, Rechtswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und Theologie – gehören neben der Forschung und Lehre auch die Weiterbildung, das Angebot von Beratungen und Therapien und Öffentlichkeitsarbeit.

Das Institut fungiert dabei als Bindeglied zwischen Forschung und praktischer Anwendung der Erkenntnisse. Angeboten werden Stresspräventionskurse für Paare, Depressionstherapien und Erziehungskurse für Eltern.

Ein Forschungsschwerpunkt des Institutes ist auch der Bereich "Kind und Gericht". So sollen Richter in Zukunft am Familieninstitut Anhörungsgutachten und Gutachten zur Glaubwürdigkeit der Aussagen von Kindern vor Gericht in Auftrag geben können.

Literaturhinweise: Guy Bodenmann: Stress und Partnerschaft. Gemeinsam den Alltag bewältigen. – Guy Bodenmann: Beziehungskrisen: Erkennen, verstehen und bewältigen. Beide Bücher sind im Huber Verlag erschienen. Informationen zum Kursangebot des Institutes gibt es im Internet unter Uni oder unter der Telefonnummer 026 300 73 60.

Datum: 09.05.2002
Quelle: Kipa

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