Herzchirurg Thierry Carrel

«Der Mensch ist genial gemacht»

Genau 50 Jahre ist es her seit der ersten Herztransplantation. Der renommierte Berner Herzspezialist Thierry Carrel äussert sich zu seiner Bewunderung fürs Herz, wie ihm sein Glaube im Berufsalltag hilft und zum «neuen Herzen», von dem die Bibel spricht.

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Thierry Carrel
Was hilft es einem Arzt mit so grosser Verantwortung, wenn er an Gott glaubt?
Der Glaube an Gott ist für mich eine Lebensweise und eine Betrachtungsweise. Das soll sich schon darin zeigen, wie ich einen Patienten empfange und aufkläre. Dazu gehört eine gewisse Demut vor den Mitmenschen und auch vor dem Schöpfer. Der Glaube gibt mir einen Rückhalt, der mich ruhiger macht, gerade auch dann, wenn etwas nicht gut gegangen ist. Und der Glaube hilft mir, die menschliche Kreatur und gerade das menschliche Herz zu bewundern. Der Mensch ist aus einer genialen Schöpferhand bewusst gemacht. Sonst wären wir vielleicht alle aus Stein oder aus Metall …

Warum bewundern Sie das menschliche Herz nach über 12'000 Eingriffen noch immer?
Natürlich gibt es oft ähnliche Operationen. Doch ich bewundere es, wie das Herz mit seiner perfekten Anatomie und seinen feinen Abläufen in den verschiedensten Körpern funktioniert. Ich sehe, wie das Herz beim Neugeborenen wächst und wie es sich an den Bedarf anpassen kann. Das finden wir in keinem andern, selbst konstruierten Werk. Jedes Mal, wenn ich einen Brustkorb öffne und das Herz sehe, kann ich nur staunen.

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Thierry Carrel
Wie entscheidend war der Besuch einer Jesuitenschule für Ihren Lebensweg?
Bei den Jesuiten habe ich gelernt, dass ich für meinen Beruf eine Berufung brauche. Das, was man macht, macht man mit vollem Einsatz, nicht nur zu 95 Prozent! Diese Einstellung vermisse ich in der heutigen Gesellschaft ein wenig. Einsatzwillen, Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit sind hohe jesuitische Werte. Und der andere Pfeiler war das humanistische Denken: Man muss den Menschen gern haben! Die menschliche Kreatur muss trotz aller Technologie im Zentrum bleiben. Und gelernt habe ich von den Jesuiten die Weltoffenheit. Ich will immer offenbleiben für neue Entwicklungen.

Schicken Sie Herzpatienten manchmal zu einem Priester?
Eigentlich weniger. Aber ich bin froh, dass ich ab und zu auf einen Seelsorger zurückgreifen kann. Viele Patienten leben nicht versöhnt mit sich selber. Mich interessieren die Menschen. Ich beschäftige mich manchmal intensiv mit ihnen, um ihnen zu helfen. Glücklicherweise haben wir neu neben Seelsorgern auch Kardiopsychologen. Patienten, die auf der Warteliste stehen, haben manchmal Todesängste und Albträume. Es ist wichtig, dass wir sie kompetent begleiten können.

Hat es ein Patient, der an Gott glaubt, leichter?
Es gibt viel seriöse Literatur zu diesem Thema, vor allem aus den Vereinigten Staaten. Da kann man zum Beispiel lesen, dass sich ein Patient schneller erholt, wenn er gläubig ist. Es gibt zwei Seiten. Ein betroffener Mensch kann sich immer wieder fragen: Warum bin gerade ich so krank geworden? Warum lässt Gott mein Leiden zu? Eigentlich ein leichtes «Fressen» für die Atheisten, die diese Frage auf einfachstem Weg beantworten: Es gibt ja keinen Gott. Doch die andere Seite sehe ich auch: Der Halt in Gott und die Dankbarkeit Gott gegenüber kann einem Menschen im Heilungsprozess durchaus helfen. Das erlebe ich immer wieder.

Die aktuelle Jahreslosung heisst: «Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.» Wie wirkt dieses Angebot Gottes auf einen Herzspezialisten?
Ich sehe in dieser Losung eine tiefere Symbolik. Vor Kurzem hörte ich in Solothurn eine sehr gute Predigt über die Santa Margarita. In Heiligenkreuz im Entlebuch ist sie in einer kleinen Kapelle dargestellt, wie sie einen Drachen an der Leine führt. Es gibt andere Darstellungen, auf welchen sie den Drachen auf dem Arm trägt oder eben mit dem Schwert tötet. Der Pfarrer sagte, jeder habe einen Drachen in sich. Es sei nur die Frage, wie man mit seinem eigenen Drachen umgeht. In dem Sinne sagt mir dieses Bibelwort, dass sich jeder Mensch mit Gottes Hilfe verbessern und gelegentlich auch einen Neuanfang wagen muss. Ich finde es tröstlich, dass immer wieder ein Neubeginn möglich ist. Das sollte auch für die Kirche und ihre Vertreter selber gelten!

Wie spürt man, ob ein Mensch ein «neues Herz» bekommen hat?
Ein solcher Mensch hat einen Sinn für Veränderungen an sich selbst. Er denkt über sich selber nach. Wenn er Fehler begangen hat, steht er dazu. Er muss seine Lasten nicht immer mit sich schleppen. Er weiss, dass Gott bereit ist, zu vergeben. Er kann wirklich neu anfangen.

Welches Herz-Wort aus der Bibel spricht Sie besonders an?
Ich denke spontan an die Verwandlung vom steinernen ins fleischerne Herz, wie es die Bibel beschreibt. Ich habe oft darüber nachgedacht. Man kann sich diese Verwandlung bildlich kaum vorstellen, aber ich finde diese Beschreibung sehr eindrücklich. Wenn ich ein Kapitel in der Bibel lese, lese ich es bewusst nicht mit den Augen des Herzchirurgen, der vielleicht speziell nach Aussagen zum Herzen sucht. Unsere Sprache strotzt ja von Begriffen, in denen das Herz vorkommt. Ich habe Kollegen, die «Herz» immer grossschreiben und dann das «lich» anhängen. Ich finde das etwas kindisch. Unsere Welt ist mit dem Begriff «Herz» komplett gesättigt.

Wie kann man seinem Herzen wohl spirituell den grössten Dienst erweisen?
Es hilft sicher, wenn man von Zeit zu Zeit einen guten Begleiter ansprechen kann. Das kann ein Seelsorger sein. Meine Zeit im Kloster brauche ich nicht, damit mir jemand erklärt, wer Gott ist. Ich erlebe hier Leuchttürme von Persönlichkeiten, die mir etwas Wichtiges für mein Leben mitgeben. Es ist wichtig, hie und da aus dem Hamsterradauszubrechen und sich mit wichtigen Grundsatzfragen unseres Lebens auseinanderzusetzen. Ein Philosophielehrer, ein Dominikaner, hat mich einst gelehrt, auf den Himmel zu schauen und die Sterne zu bewundern oder eine Wiese mit all den verschiedenen Blumen.

Das ausführliche Interview finden Sie im ideaSpektrum.

Zum Thema:
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Datum: 27.08.2017
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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