Schweizer Freilichtsommer

Die Schwarze Spinne am Irchel

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Miteinander: Freud und Leid teilen die Dörfler in Gotthelfs Geschichte.

Gotthelf hat in diesem Sommer im Zürcher Weinland geweilt. Die Spielleute von Buch am Irchel führten seine «Schwarze Spinne» auf. Vor ausverkauften Rängen.

Die unheimliche Geschichte des Berner Dichterpfarrers ist eingebettet in die Rahmenhandlung einer Tauffeier. Der Grossvater, der sie erzählt, könnte am Tisch jeder Taufgesellschaft sitzen. Wir werden ins Mittelalter versetzt, als Vögte die Bauern drangsalierten. Ein Dorf soll, nachdem es dem Adeligen in fünfjähriger Fron eine Burg erbaut hat, innert Monatsfrist noch einen Schattengang hinstellen, mit 100 hohen Buchen vom Berg gegenüber. Die Dörfler verzweifeln, da bietet ein grün gekleideter Jäger an, den Transport auf den Hügel und das Einpflanzen zu übernehmen – wenn das Dorf ihm ein ungetauftes Baby überlässt.

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Von der Spinne gepeinigt: Vor Christine fliehen die Frauen des Dorfs.

Mit Leib und Seele

Die teuflische Offerte löst Entsetzen aus; niemand weiss Rat. Der Hebamme Christine, einer eingeheirateten, emanzipierten Frau, die sich, allein draussen geblieben, darauf einlässt, drückt der Grüne einen Kuss auf die Backe. Christine bringt das Dorf dazu, auf den Handel einzugehen. In den Wind geschlagen wird die Mahnung einer Alten, «wer mit dem Bösen sich einlasse, komme vom Bösen nimmer los, und wer ihm den Finger gebe, den behalte er mit Leib und Seele. Aus diesem Elend könne niemand helfen als Gott; wer ihn aber verlasse in der Not, der versinke in der Not» (Gotthelf). Die Dorfgemeinschaft beschliesst, die Bäume am Hang hinzulegen, und tatsächlich verschwinden sie nachts und stehen am Morgen eingepflanzt oben beim Schloss. Der Ritter erhält seinen Schattengang.

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Die Bauern sind den Rittern ausgeliefert…

Die Dörfler frohlocken, wie das erste und das zweite Neugeborene durch den Pfarrer getauft werden. Sie haben – vermeintlich – den Teufel übers Ohr gehauen. Doch auf Christines Backe wächst eine giftige schwarze Spinne. Von ihr geht Verderben aus, das niemand verschont, immer weitere Kreise zieht. «Da ging alles Hoffen aus, und Verzweiflung füllte das Tal, sass auf den Bergen.» Bis nach dem Vorbild des Priesters eine Frau sich aufopfernd mit Gottes Kraft die Spinne packt und in einen Türpfosten einsperrt.

Verblendung und Schwarzpeterspiel

Den Buchemer Spielleuten in der hohen Waldschneise am Irchel gelingt es, Gotthelfs urkräftige Sprache in bewegendes Spiel zu übersetzen, dank der Vorlage ihres Dramaturgen Thomas Ganz. Erbarmungslose Ritter, verzweifelte Bauern, der Übermut Christines, das Ringen des Priesters um das ewige Heil der Seelen, die teuflische Freude des Grünen am Deal, das Schwarzpeterspiel unter den Dörflern, wie sie seiner Forderung ausgeliefert sind: sie kommen ungebrochen zum Ausdruck. Das Grauen, das die dämonischen Gewalten in der Erzählung erzeugen, rührt an diesem von Regenschauern durchnässten Abend jeden an.

Aus dem Kollektiv, das unter der Bosheit des Ritters und dann, nach stupider Selbsttäuschung, unter der Spinne leidet, ragen Einzelne heraus, die ihm die Richtung weisen. Doch ordnen auch sie sich ein in die vormoderne dörfliche Schicksalsgemeinschaft, die Arbeiten und Ruhen, Tanz und Kampf, Leben und Sterben umfasst. Ein Gegenbild zur global offenen Gesellschaft, in der der Nachbar fremd bleibt...

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…die hoch oben auf der Burg wohnen.

Was wird heute geopfert?

Wie trifft die Wucht des Bösen, von Gotthelf in der Spinne konzentriert, spätmoderne Europäer, denen das Verhängnis der zwei Weltkriege fernrückt? Des Bösen, das Raum bekommt, weil Menschen bereit sind, ein ungetauftes Baby zu opfern, um sich ihrer Last zu entledigen. Das Stück führt zur Frage, was heute um des Komforts oder um einer «Lösung» willen geopfert wird. Unter welchen Gestalten kennen wir das Böse? Die letzte Bitte des Unser-Vater-Gebets: «Erlöse uns von dem Bösen» bekommt einen anderen Klang, wenn seine Verderben bringende Gewalt so sinnenfällig erlebt wird. Es wäre nicht das geringste Verdienst der Aufführung, wenn sie die hohle Zuversicht ins Wanken brächte, dass wir uns – ohne Gott – aus eigener Kraft und Schlauheit, auf den Schwingen des Fortschritts, des Bösen entledigen.

Zum Thema:
www.schwarze-spinne.ch


Datum: 24.08.2010

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