Analyse

Minarett-Abstimmung offenbart Gräben

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Einer der Auslöser der Initiative: Das Minarett in Wangen an der Aare.
Liegt im Nein zu Minaretten ein Ja zu einer «christlichen» Schweiz? Das Stimmvolk veweigerte am Sonntag den Meinungsmachern die Gefolgschaft. Die Minarettverbots-Initiative hat Gräben aufgerissen und Gräben offenbart.

Das überraschende Ja zum Minarettverbot in den meisten Kantonen (in Basel-Stadt stimmten 48% Ja) ruft der Frage, wie es um das Vertrauen in die Schweizer Rechtsordnung steht. Der Glaube an die Integrationskraft der freiheitlichen Gesellschaft ist geschwunden. Woher die Meinung, es müsse jetzt dieses Verbotssignal gegeben werden, da sonst den zu erwartenden islamischen Forderungen kein Damm mehr entgegengesetzt werden könne?

Das Unbehagen darüber, dass sich die Schweiz nicht von Europa abschotten kann, auch wenn sie weiterhin einen eigenen Rechtsraum darstellt, ist verbreitet. Was militante Muslime in Nachbarländern anrichten, kam in den Leserbriefspalten zum Tragen. Es muss auch in den Stadthäusern gehört und bedacht werden.

In unguter Erinnerung bleibt, dass vor Jahren Zürichs SP-Stadtpräsident sich zur Bemerkung verstieg, eine weniger genutzte Kirche könnte abgegeben und zur Moschee umgewandelt werden. Eine Ohrfeige ist das Resultat für die Demoskopen, die glaubten, Herr und Frau Schweizer würden so politically correct abstimmen, wie sie sich vorher geäussert hatten.

Gräben zwischen Christen

Unter bekennenden Christen erregten die Meinungsverschiedenheiten die Gemüter heftig. Dazu trug bei, dass die Befürworter des Verbots den Verantwortlichen von EVP, der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA und dem Freikirchenverband VFG Verrat am Evangelium vorgeworfen hatten. Die Gegner des Verbots hatten keine entsprechende Keule zur Hand; in frühen Stellungnahmen 2008 schien die EVP die Herausforderung auf die leichte Schulter zu nehmen.

Bei den unschönen, der Sache des Evangeliums abträglichen Streitigkeiten trat in den Hintergrund, dass auch SEA und VFG nicht den Bau von Minaretten wünschen und alle tauglichen Instrumente in der Abwehr der Islamisierung eingesetzt sehen wollen. Aber sie sahen im Verbot auf Verfassungsebene kein sinnvolles Mittel. Die SEA, die einen Runden Tisch mit den Muslimen vorgeschlagen hatte, machte letzte Woche noch einen Vorschlag zur Güte: dass die Muslimverbände von sich aus auf den Bau von Minaretten verzichten.

In der Verunsicherung durch Wertewandel...

Vielen Politikern und Vertretern der Landeskirchen schien das Gespür zu fehlen für die tiefe Besorgnis im Volk. In den letzten Jahrzehnten haben Medien, Politik und progressive Reformierte einen derart weitreichenden, umstürzenden Wandel von Werten und Anschauungen befürwortet und inszeniert, dass Herr Müller und Frau Meier allen Grund zur Frage haben, was unter Druck bestehen bleibt. In diversen ethischen Fragen wurden Dämme eingerissen, auch rechtliche.

...kein anderer Damm gesehen

Dies nährte die Befürchtung, ohne dieses Verbotssignal gebe es gegen die Islamisierung keinen Damm mehr. Der Unmut im konservativen Stimmvolk hat angesichts der Intoleranz von Islamisten - und Gaddafis Geiselhalter-Gehabe - auf aufgeschlossene, urbane Schweizer übergegriffen. Viele sind nicht mehr bereit, das Fremde hinzunehmen, wenn der Fremde die Anpassung verweigert und Forderungen stellt. Im Dorf wird ein Mädchen durch die Koranschule (oder den Druck des Vaters im Maghreb?) zur bekennenden Kopftuchträgerin. Ein orientalisch gewandeter Besucher der Stadt weist jeden Dialog über Jesus harsch von sich - er will nur über seine Religion reden.

Interreligiöses Verwirrspiel

Die Landeskirchen haben zur Verunsicherung beigetragen, indem sie die Gemeinsamkeiten von Islam, Judentum und Christentum betonten - als wäre der Islam nicht von Beginn gegen die beiden älteren Religionen angetreten mit dem Anspruch, sie zu überbieten und zu ersetzen. Vor dem Irakkrieg 2003 wurde im Berner Münster medienwirksam «der gemeinsame Glaube» bezeugt. Da fragen sich Frau Meier und Herr Müller, ob die Landeskirchen - namentlich die Reformierten - «dem Islam» etwas entgegenzusetzen haben, etwas entgegensetzen wollen.

Der 29. November rüttelt am Gedankengebäude, das der Schweizerische Rat der Religionen SCR zimmert. Sein Präsident, der SEK-Ratsvorsitzende Thomas Wipf, hat Anfang November noch für einen «Grundkonsens der Religionen über die Voraussetzungen des Zusammenlebens» plädiert.

Suche nach tauglichen Instrumenten

Zum Abstimmungskampf gehörte, dass die bedrohlichen Seiten der Religion Mohammeds («Machtanspruch») kritischer beleuchtet wurden. Wie die Muslime sie hierzulande praktizieren und was ihre Vertreter dazu sagten, konnte die von den Initianten geschürten Befürchtungen nicht zerstreuen. Mit den SVP-Vertretern hat die EDU als Partei triumphiert. Sie wird nun aufzuzeigen haben, wie es «auch ohne Minarette geht».

Für eine «christliche» Schweiz?

Was immer das Minarettverbot, Resultat der demokratischen Auseinandersetzung, dem Land international bescheren wird: Es legt tiefere Schichten der Moderne offen, die mit säkularen Mitteln wie dem Recht religiöse und kulturelle Vielfalt bewältigen will. Viele Menschen empfinden zunehmend, dass diese Instrumente für den Umgang mit der archaischen und kaum verminderten Wucht des Islam nicht genügen.

Markiert das Ja zur Initiative eine Wende? Haben die im Minarettplakat zugespitzten Ängste ein Votum für eine «christliche» Schweiz provoziert, ein Votum gegen die zunehmende Distanzierung der Schweizer Gesellschaft von der Religion der Vorfahren? Die Multikulti-Ideologie, die die Religionen als im Grunde gleichwertig ansieht und den Schweizern im Zuge der Integration eine neue Identität verpassen will, hat jedenfalls eine Abfuhr erlitten.

Notwendig: eine christliche Zukunftsvision

In seinem Flyer gegen Initiative hat der Kirchenbund SEK dazu aufgerufen, den Glauben selbstbewusst zu leben, als Grundlage für eine «Kultur der Begegnung und des Dialogs».

Auf den Glauben wird es ankommen - und darauf, wie die Landeskirchen ihn stärken. Bekennen die Reformierten Jesus als den wiederkommenden Herrn, dem sich einst alle Knie beugen werden? Allein dieser Glaube gibt Christen einen festen Stand und Gelassenheit angesichts der islamischen Zukunftsvision; er ist im säkularen Umfeld neu zum Ausdruck zu bringen.

Dossier zum Thema: Minarette in der Schweiz

Datum: 30.11.2009

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