Minarett-Nein: Trojanisches Pferd gegen System der Volkskirche

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Bischof Kurt Koch
Der Bischof von Basel, Kurt Koch, warnt nach der Abstimmung zur Anti-Minarett-Initiative davor, die Religionen ins gesellschaftliche Abseits abzudrängen. Viele Christen hätten mit ihrem Ja zur Vorlage dem Zusammenleben von Religion und Staat in der Schweiz einen Bärendienst geleistet und ein trojanisches Pferd für jene politischen Kräfte gesetzt, die eine Trennung von Kirche und Staat anstreben.

Rückblickend erklärt der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz im Interview mit der katholischen Presseagentur Kipa, er habe das Amt an der Spitze der Kirche Schweiz mit Freude ausgeübt. Einer der Höhepunkte war ein Kongress zu Kirche und Staat in Lugano, ein Tiefpunkt die Aufhebung der Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe, die zu einer Polarisierung in der Kirche führte. Koch mahnt die Katholiken, gemeinsam vorwärts zu gehen. Er gibt sein Präsidentenamt im Januar an Bischof Norbert Brunner weiter.

Kipa: Wie stark hat Sie die Leitung der Schweizer Bischofskonferenz beansprucht? Hat diese Führungsaufgabe Ihre Arbeit im eigenen Bistum beeinträchtigt?
Kurt Koch: In der Bischofskonferenz muss man als Präsident natürlich immer präsent sein, wenn es zu besonderen Ereignissen kommt. Man muss dann auch gegenüber den Medien Red und Antwort stehen. Daneben gibt es auch viele Verpflichtungen, etwa im Ausland die Vollversammlungen des CCEE, der Konferenz der Europäischen Bischofskonferenzen. Abstriche an der Arbeit in der eigenen Diözese sind deshalb unvermeidlich.

In die Zeit Ihrer Präsidentschaft wurde über die Anti-Minarett-Initiative abgestimmt. Das Stimmvolk folgte nicht den Kirchen und nahm die Vorlage an. Wie geht die Bischofskonferenz mit diesem Entscheid um?
Es ist keine Ausnahme, dass die Bischofskonferenz bei einer Abstimmung nicht zur Gewinnerseite gehört. Dies ist besonders dann der Fall, wenn es um den menschenrechtlichen Schutz des Lebens geht. Man könnte oberflächlich sagen: Da wird die Differenz zwischen der Basis und den Bischöfen sichtbar. Nur stehen wir bei der genannten Abstimmung in guter Gesellschaft mit dem Bundesrat und dem Parlament.

Ich anerkenne natürlich den Volksentscheid. Das bedeutet aber nicht, dass man keine Fragen mehr stellen darf. Mich haben vor allem die Zuschriften von vielen Gläubigen, die ich vor der Abstimmung erhalten habe, sehr bewegt und auch beunruhigt, weil ich sehen musste, dass die Ängste der Gläubigen durch die Annahme der Initiative nicht bewältigt, sondern erst nach der Abstimmung wirklich angegangen werden können.

Die Missachtung der Religionsfreiheit gegenüber Christen in vielen Ländern der Welt beschäftigt die Menschen in unserem Land stark. Es ist eine Tatsache, dass das Christentum die heute am meisten verfolgte Religion ist. 80 Prozent der religiös bedingten Verfolgungen betreffen Christen. Mehr Solidarität gegenüber Christen in bedrängten Situationen ist nötig. Die Annahme der Initiative hat aber die Glaubwürdigkeit unseres Engagements für die verfolgten Christen nicht gestärkt, sondern geschwächt.

Wie das?
Die Menschen in jenen Staaten, in denen wir für Christen Religionsfreiheit einfordern, erklären nun, die Schweiz sei doch eine Demokratie, selbst sie gewährleiste aber die Religionsfreiheit nicht. Ich bin darum dem Schweizer Bischof Paul Hinder, der für Arabien zuständig ist, dankbar für seine Aussage, die Annahme der Initiative sei für die Christen in Arabien ein Bärendienst.

Auch die meisten grossen Schweizer Parteien wurden bei der Abstimmung versetzt. Gibt es einen Graben zwischen Kirchen und Parteispitzen einerseits und dem Volk?
Es ging bei der Abstimmung eigentlich gar nicht um die Minarette, sondern um viele andere Probleme. Hier kommt ein zweiter Aspekt der grossen Zustimmung zur Initiative zum Tragen. Viele Gläubige wollten mit der Annahme der Initiative zweifellos das Christentum in der Gesellschaft stärken. Aber nicht alle, die Ja gestimmt haben, wollen das Christentum festigen. Drei Kräfte haben zur massiven Annahme der Vorlage geführt. Die eine will mehr Präsenz der christlichen Identität in unserem Land. Die zweite intendiert eine völlige Abdrängung des Religiösen, auch des Christlichen, aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Die dritte Kraft sind die feministischen Tendenzen, die sich für die Gleichberechtigung der Frau im Islam einsetzen.

Wie soll es nach der Abstimmung weiter gehen?
Noch nie war nach einer Abstimmung die politische Situation derart unübersichtlich und verworren wie jetzt. Es ist deshalb eine präzise Analyse nötig, welche Ängste und Anliegen zur Annahme der Initiative geführt haben. Sonst besteht die grosse Gefahr, dass sich diejenigen, die die christliche Identität bedroht sehen, nun gleichsam als trojanisches Pferd für ganz andere Tendenzen, für die Abdrängung der Religion ins rein Private und für eine völlige Trennung von Kirche und Staat, zur Verfügung stellen.

Sie haben die Frage von Kirche und Staat angesprochen. Die SP ringt mit einem Papier, das eine völlige Trennung von Kirchen und Staat anstrebt. Kann die linke Partei mit einem solchen Anliegen beim Volk eine Mehrheit finden?
In der Tat sehen diese Kreise in der Annahme der Initiative nur den ersten Schritt, dem der zweite Schritt folgen soll, der gegen das Christentum gerichtet ist. Eine solche Abdrängung des Religiösen aus der Gesellschaft widerspricht aber einem Grundprinzip des modernen demokratischen Rechtsstaates selbst. Wenn dieser es als historische Errungenschaft rühmt, nicht alles selbst tun zu sollen und zu können, sondern die freie Initiative der Bürger auf allen Gebieten zu fördern, ist es inkonsequent, wenn er bei diesen Förderungsbemühungen ausgerechnet die Religion ausnehmen will.

Gerade im Sinne einer gesunden Laizität des Staates muss solchem Ansinnen widersprochen werden. Denn die SP würde mit ihrem Papier einen Weg einschlagen, der für die Zukunft unserer Gesellschaft gewiss nicht verheissungsvoll wäre. Sie würde sich selbst wichtige Beiträge vorenthalten, die sie selbst nötig hat. Mit der Abdrängung der Religion ins Private wäre vor allem der interreligiöse Dialog zum Scheitern verurteilt.

Gehen Sie davon aus, dass die Religionen derart ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden könnten?
Ich gehe nicht davon aus, dass das Volk einer derartig radikalen Abtrennung, wie sie in der SP besprochen wird, zustimmen würde. Wenn dies dennoch einträte, käme vollends ans Tageslicht, welche verhängnisvollen Auswirkungen die Anti-Minarett-Initiative gehabt hat.

Was war der erfreulichste Moment während Ihrer Präsidentschaft der Bischofskonferenz?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Vielleicht war es der Kongress, den wir im Jahre 2008 in Lugano über das Verhältnis von Kirche und Staat in der Schweiz durchgeführt haben. Während zwei intensiven Tagen haben wir in Anwesenheit von Vertretern des Apostolischen Stuhls und von staatskirchenrechtlichen Institutionen über die vielen offenen Fragen in diesem komplexen Bereich diskutieren können. Diese Tagung war in meinen Augen ein Meilenstein in der katholischen Kirche in der Schweiz.

Ist es Ihnen als Präsident der Bischofskonferenz gelungen, hier neue Ziele zu setzen?
Als Präsident war ich vor allem Moderator. Es ging darum, die hängigen Fragen auf den Tisch zu bringen. Danach wurde eine Kommission eingesetzt, die zu Handen der Bischofskonferenz die Fragen weiter bearbeitet.

Welches war Ihre schlimmste Erfahrung während Ihrer Zeit an der Spitze der Bischofskonferenz?
Der vergangene Januar, nach der Bekanntgabe der Entscheidung, dass Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfen aufgehoben hat. Dieses Ereignis hat mich eine ganze Woche lahmgelegt, weil ich nichts anderes mehr tun konnte, als den Medien Red und Antwort zu stehen. Zudem hat mich sehr bedrängt, dass durch dieses Ereignis die seit langem schwelende Polarisierung in der Kirche in der Schweiz neu aufgebrochen ist. Dies bereitet mir grosse Sorgen.

Sie geben das Szepter in der Bischofskonferenz weiter an den Bischof von Sitten, Norbert Brunner. Wo sehen Sie die grossen Herausforderungen der Bischofskonferenz in naher Zukunft?
Die Bischofskonferenz wird noch entschiedener als bisher pastorale Prioritäten setzen müssen - wie dies auch Bischof Brunner bereits angetönt hat. Nur auf diesem Weg lässt sich auch die Zusammenarbeit mit den staatskirchenrechtlichen Institutionen auf der gesamtschweizerischen Ebene wie der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) verbessern. Denn die Bischofskonferenz kann nicht einfach stets neue pastorale Notwendigkeiten definieren, ohne auch den Mut zu haben, darüber zu befinden, was nicht mehr weiter geführt werden kann, zumal die Finanzierungsmöglichkeiten zunehmend kleiner werden.

Scheiden Sie ungern aus dem Amt?
Die drei Jahre als Präsident der Bischofskonferenz sind schnell vorbei gegangen, und ich hatte Freude an diesem Amt. Da ich vorher bereits während neun Jahren Vizepräsident gewesen bin, war aber die Zeit für einen Wechsel reif. Zudem bin ich überzeugt, dass wir uns an die Amtszeiten halten sollten. Wir kennen in der Schweiz nicht die Tradition, wie sie in Deutschland besteht, wo der Präsident der Bischofskonferenz zumeist über längere Zeit dieses Amt wahrnimmt. In der Schweiz haben wir eher kürzere Amtszeiten, wie dies dem schweizerischen Grundempfinden mehr entspricht, wie auch das Präsidium im Bundesrat zeigt.

 

Datum: 23.12.2009
Autor: Georges Scherrer
Quelle: Kipa

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