Orthodoxe Kirchen: Streit um den Vorrang
Die orthodoxen Kirchen sind stolz, das Überlieferte treu zu bewahren - aber die Geschichte verschiebt die Gewichte. Der Anspruch der Moskauer auf den Ehrenvorsitz in der Weltorthodoxie, den Konstantinopel seit Urzeiten hält, überschattet die aktuellen Bemühungen um ein Konzil aller Orthodoxen.Die Hagia Sophia in Istanbul zeugt noch von der Grösse und Pracht der byzantinischen Reichskirche des Mittelalters, an die alle slawischen Völker hinaufblickten. Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 setzte der Niedergang der Kirche ein. Heute zählt sie, in der Türkei als Trägerin des Griechentums massiv diskriminiert, noch wenige tausend Mitglieder - doch ihr Oberhaupt Patriarch Bartholomaios I. führt nach wie vor den Ehrenvorsitz in der Weltorthodoxie.
Der seit 1990 wieder erstarkten und staatlich gestützten russischen orthodoxen Kirche, die über 50 Millionen Mitglieder für sich reklamiert, ist dies ein Dorn im Auge. Dies umso mehr, als im Zuge der Bildung postsowjetischer Staaten (Ukraine) auch orthodoxe Kirchenprovinzen sich vom Moskauer Patriarchat verabschiedeten und eigenständig zu werden versuchten. Dabei wurde der Patriarch von Konstantinopel angerufen.
Kein weltumspannendes Konzil seit 879
Die eigenständigen orthodoxen Nationalkirchen, grosse und kleine, gehorchen nicht einer zentralen Autorität, sondern sind Schwesterkirchen mit grundsätzlich gleichem Rang. Infolge der Globalisierung wird ein weltumspannendes orthodoxes Konzil nun dringender gefordert. Zahlreiche grosse Fragen stehen zur Behandlung an. Seit dem IV. ökumenischen Konzil von Konstantinopel 879 (damals waren Ost- und Westkirchen noch in Gemeinschaft) hat es in der ostkirchlichen Orthodoxie nur noch regionale und überregionale Synoden gegeben.Am weitesten gedieh das Bemühen um eine gesamtorthodoxe Versammlung 1923. Die Vertreibung des Patriarchen durch Kemal Atatürk setzte dem Kongress jedoch ein Ende. Jahrzehnte später - nach dem Zerfall des Ostblocks und der Stabilisierung Südosteuropas - wird nun ein neuer Anlauf genommen. Am 6. Juni kamen in Chambésy bei Genf die Vertreter der orthodoxen Ostkirchen zusammen, um die Vorbereitungen für ein Gesamt-Konzil der Orthodoxie voranzutreiben.
Anläufe
Inspiriert vom Zweiten Vatikanischen Konzil der Katholiken, hatte der Patriarch von Konstantinopel Athenagoras I. 1968 in Chambésy bei Genf ein orthodoxes Zentrum eingerichtet. Der Schweizer Standort sollte das künftige Konzilsekretariat von kommunistischen und türkischen Einflüssen abschirmen. In Chambésy wurde, wie der Orthodoxie-Experte Heinz Gstrein in der NZZ schreibt, seither „der ganze Berg an Reformanliegen gesichtet, der sich in den 1100 konzillosen Jahren angehäuft hatte. So zum Beispiel die Frage, ob wirklich alle orthodoxen Gläubigen weiter so streng fasten müssten wie die Mönche im alten Konstantinopel." Doch es geht um viel gewichtigere Anliegen, etwa wie nach Unabhängigkeit strebende Kirchen (Makedonier, Ukrainer) behandelt werden sollen.Russen wollen mehr Gewicht
Das Moskauer Patriarchat verlangte schon 1993 eine neue Struktur der orthodoxen Weltgemeinschaft. Die grossen Nationalkirchen der Ost- und Südslawen sowie der Rumänen sollen mehr Gewicht erhalten, was zulasten der antiken, aber heute kleinen Patriarchate von Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem gehen würde. Ab 1999 wurde um das Recht von Patriarch Bartholomaios I. gestritten, in Estland die dortige autonome orthodoxe Landeskirche zu reaktivieren. Erst im Oktober 2008 einigten sich die orthodoxen Kirchenführer, auf ein Gesamtkonzil hinzuarbeiten. Als Ort des Konzils scheint - ein erstes Ergebnis - die griechische Insel Rhodos nun festzustehen.Weil sich in den nationalen Kirchen die unterschiedlichen Aspirationen der Völker spiegeln, agieren die Kirchenführer wie Politiker. Es verwundert nicht, dass Bartholomaios I. die Strukturfrage mit dem ukrainischen Präsidenten Juschtschenko besprochen hat...
Homepage des Zentrums in Chambésy
Quelle: Livenet / NZZ



