Von Gemeinde zu Gemeinde: «Jedermann kann gehen»
In Freikirchen redet man gern von zahlenmässiger Zunahme. Unübersehbar gibt es auch eine gewisse Fluktuation. Woran liegt das?
Urs Argenton: Für einen Gemeindewechsel gibt es verschiedene Gründe. Nebst örtlichen oder familiären Veränderungen können das Unzufriedenheit, Streit oder eine verkorkste Haltung innerhalb der Gemeinde sein. Auch fehlende Gemeinschaft oder Überlastung kann Menschen in die Flucht schlagen. Wenn anderswo ein besseres, spannenderes Programm geboten wird, das besonders die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen trifft, mag das auch Grund zum Wechseln sein.
Welche Gründe rechtfertigen einen Gemeindewechsel?
Zum Beispiel ein Ortswechsel, oder wenn für Familien kein passendes Angebot besteht.
Was sagen Sie zu Zappern, also Mehrfachwechslern?
Es sind immer die Gleichen, die arbeiten, und andere, die kritisieren und profitieren. Und wenn es nicht mehr passt, gehen sie. Das riecht mir sehr nach Unverbindlichkeit und Suche nach immer noch spannenderen Events, aber auch nach fehlender Bereitschaft, sein Leben zur Ruhe zu bringen, mitzuarbeiten und Lasten zu tragen. Solche Leute fahren stark auf gruppendynamische Prozesse ab, statt auf geistliche Dynamik.
Was bewirkt es, wenn langjährige Mitglieder weggehen?
Wenn ein «Stürmi» geht, sind manche froh. Normalerweise entsteht aber Traurigkeit und Verunsicherung. Es ist klar, dass dieser Weggang auch diskutiert wird. Einige werden sich ebenfalls einen Weggang überlegen. Oft bedeutet es auch eine Schwächung der Gemeinde.
Sollten Gemeindewechsler still und leise gehen oder die Gemeinde informieren?
Ich bin für Transparenz und erwarte eine Mitteilung, vielleicht sogar mit einer Begründung. Alles andere ist Davonschleichen. Natürlich ist jedermann frei, zu gehen, denn Freikirchen sind keine Sekten.
Sind Gemeindeleitungen, Werke und Verbände genügend kritikfähig?
Wahrscheinlich nicht immer.
Kann ein gläubiger Mensch ohne Gemeinde wachsen?
Wachstum hängt nicht primär von einer Organisation ab. Normales Wachstum verbindet sich aber mit dem Leben in der Gemeinde. Hier ist der Ort, wo Gemeinschaft geübt und gelebt werden kann. Im Alleingang besteht die Gefahr viel eher, dass jemand im Glauben stehen bleibt, sich verrennt oder rückwärtsgeht.
Was zählt am Ende wirklich?
Die Gnade Gottes, seine Barmherzigkeit, die Hingabe des Menschen an Gott.
Urs Argenton, 63, Theologe, Erwachsenenbildner mit eigener Schulungs- und Beratungsfirma. Verheiratet, 2 verheiratete Töchter und 2 Enkelkinder. Wohnhaft in Bolligen BE.
Artikel zum Thema: Warum wechseln Christen die Gemeinde?
Autor: Esther Reutimann
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

