Bullinger-Forscher in Zürich: Die Vergangenheit prägt uns – aber wie?

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Bildungsdirektorin Regine Aeppli und Uni-Rektor Hans Weder
Die Vergangenheit prägt uns mehr, als wir uns bewusst sind. Das Bullinger-Jubiläum (der zweite Zürcher Reformator wurde vor 500 Jahren geboren) gibt Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie wir mit der Vergangenheit umgehen. Seit Mittwoch tagt in Zürich ein internationaler Forschungskongress über Bullinger, der den lange vergessenen Theologen und Historiker ins Licht rückt.

Bei ihrem Grusswort vor den 150 Teilnehmenden in der Helferei beim Grossmünster strich die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli die Pionierleistung von Heinrich Bullinger fürs öffentliche Schulwesen heraus. Er habe auch schon gegen das Sparen bei der Bildung gekämpft. Bei der Vermittlung christlich-humanistischer Werte müsse allerdings heute auf die veränderte gesellschaftliche Lage Rücksicht genommen werden, sagte die Bildungsdirektorin.

Universitäts-Rektor Hans Weder betonte die Bedeutung des Wissens um die Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft. „Je weniger wir von der Vergangenheit gestört werden wollen, desto mehr macht sie uns zu schaffen.“ Weder erinnerte an das vorbildliche Einwirken Bullingers auf die Zürcher Politik. Er habe als Kirchenleiter nicht äusserliche Macht ausgeübt, sondern mit seinen Eingaben zu überzeugen versucht.

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Bewusster aus der Vergangenheit leben: Johannes Fischer

Zürich als Zentrum der Erforschung der Reformationsgeschichte

Johannes Fischer, Rektor der theologischen Fakultät, bezeichnete die Erforschung der Zeit der Reformatoren (das Fakultätsinstitut für Reformationsgeschichte veranstaltet mit dem Zwingli-Verein den Kongress) als zentralen Teil ihres wissenschaftlichen Profils. Es gehe nicht nur um Kenntnis der Vergangenheit, sondern um „Selbstvergewisserung und Orientierung in der Gegenwart“.

Dies gelte nicht nur für Kirche und Theologie, sondern auch in Politik und Gesellschaft, sagte Fischer: „Es gehört zu unserer menschlichen Verfassung, dass uns Ereignisse, Entscheidungen, Handlungen oder Gedanken aus längst vergangenen Zeiten prägen und lenken, ohne dass sie noch in ausdrücklichem Bewusstsein sind. Sie ins Bewusstsein holen und erinnern heisst: ein deutlicheres Bewusstsein dessen erlangen, was unsere Lebenswirklichkeit und unseren Lebensvollzug heute bestimmt.“

Bullinger in seiner Zeit: noch viel zu forschen

Von Bullinger ist noch viel ins Bewusstsein zu holen. Wie der Kirchengeschichtsprofessor Emidio Campi, Leiter des Instituts, im ersten Hauptvortrag sagte, „wissen wir wenig über seinen wirklichen Einfluss“. Zwar habe die Bullinger-Forschung in den letzten Jahrzehnten beträchtliche Fortschritte gemacht, doch „sind wir erst am Anfang der präzisen Erfassung dessen, was der zweite Zürcher Reformator in die Waagschale der Geschichte gelegt hat“.

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Prof. Emidio Campi plädierte für eine intensivere Beschäftigung mit dem Reformator
Campi gab einen Überblick über die neuere Forschung. Noch immer fehlt eine Werkausgabe. Sogar für das zentrale theologische Werk, die Dekaden, aber auch für die meisten anderen Werke fehlt ein moderne Edition auf wissenschaftlichem Niveau. Die Bibelauslegungen Bullingers und seine Werke zu Seelsorge und Predigt sind praktisch unzugänglich. Von einer siebenbändigen Werkauswahl fürs breite Publikum liegt der erste Band vor.

Erste grosse Biografie seit 1858

Aus der Feder Fritz Büssers, des Altmeisters der Schweizer Bullinger-Forschung, ist eben der erste Band einer Biografie erschienen – der ersten umfassenden Darstellung seit 1858! Sie zeigt, wie Bullinger in seiner Zeit lebte und dachte und auf sie einwirkte.

Als zweites bedeutendes Buch (im Druck) würdigte Campi die Darstellung der Theologie des Reformators durch Peter Opitz. Insgesamt sind wichtige Bereiche des Werks des ungeheuer produktiven Kirchenleiters, Gelehrten und Briefeschreibers noch kaum oder gar nicht erforscht.

Herausragender Historiker des 16. Jahrhunderts

Die Genfer Kirchenhistorikerin Prof. Irena Backus würdigte im zweiten Hauptvortrag Bullingers Leistung als Historiker. Sie ging auf seine differenzierte Kritik des Humanismus von Erasmus ein. Der Zürcher habe von den Methoden des grossen Gelehrten gerne gelernt, aber seine Lehre vom „freien Willen“ des Menschen entschieden abgelehnt. Laut Backus war Bullinger „der erste Historiker, der die Verbindung von Humanismus und Reformation hergestellt hat“.

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Faszinierende Reise ins 16. Jahrhundert: Anthony Grafton
Anthony Grafton, Professor in Princeton, zeigte Bullingers nüchternen Forschergeist und sein Geschichts- und Endzeitbewusstsein anhand seiner Bemühungen um die Chronologie der Antike (Daniels Prophetie von den 70 Jahrwochen eingeschlossen) auf. Der Zürcher war „auf der Höhe der zeitgenössischen humanistischen Historiker“; er legte laut Grafton ein „ausserordentliches Niveau geschichtlichen Denkens“ an den Tag.

Für den Reformator war klar, dass alle Geschichte Gottes Umgang mit der Menschheit verdeutlichen konnte; Aufstieg und Fall von Völkern und Kulturen brachte er in Zusammenhang mit Gottes Heilsplan für die Menschheit. – Der Kongress mit 70 Haupt- und Kurzreferaten endet am Samstag.

Livenet bringt in den nächsten Tagen ein Interview mit Istvan Tökes, Lehrer der Kirche, in der Bullinger heute noch gegenwärtig ist: der reformierten Kirche in Rumänien.

Im Internet: www.unizh.ch/irg/bullinger2004.html

Datum: 27.08.2004

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