Brückenschlag über 500 Jahre: Zürcher Synode sagt Ja zu Ausstellung über Heinrich Bullinger
In Zürich will man dieses Jubiläum würdig begehen, mit einer grossen Ausstellung im Grossmünster, einer Volksausgabe seiner Hauptschriften in sieben Bänden, einer Kurzbiografie und zahlreichen Veranstaltungen. Am Dienstag bat der Kirchenrat eigens den Kirchenhistoriker Prof. Emidio Campi in die Synodeverhandlung, um die Bedeutung Bullingers für die Zürcher Kirche zu unterstreichen.
Der Reformator gilt zusammen mit Calvin als der weise theologische Gestalter der reformierten Kirche, die im 16. Jahrhundert in Ländern deutscher Zunge, aber auch in Ungarn und Siebenbürgen und in West- und Nordwesteuropa entstand. Heinrich Bullinger, 1504 als Sohn des Dekans von Bremgarten im Aargau geboren, wurde 1531, als die Innerschweizer die Zürcher schlugen, im Zuge der Rekatholisierung aus seiner Heimatstadt vertrieben. Die Zürcher beriefen ihn ans Grossmünster, womit eine über 40-jährige fruchtbare Tätigkeit einsetzte. Als Verfasser des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses von 1566 ist Bullinger einer der Architekten der heutigen Kirchenlandschaft.
Die Ausstellung im Grossmünster soll unter dem doppelsinnigen, auch auf Christus verweisenden Titel ‚Der Nachfolger‘ stehen und vom 11. Juni bis 17. Oktober 2004 dauern. Laut Bericht des Kirchenrats soll an Bullingers Wirkungsort „sein Lebenswerk gewürdigt werden. Die Ausstellung wird so konzipiert, dass sie nicht nur wissenschaftlich Interessierte, sondern vor allem die breite Bevölkerung anspricht. Ziel ist eine ‚dreidimensionale‘ Ausstellung, die den Besucher etwas vom Alltag und von den kirchlichen Verhältnissen im 16. Jahrhundert erleben lässt und den Raum des Grossmünsters mit einbezieht.“
Das Konzept der von der Kirche betrauten Firma Weingarten & Partner sieht Ausstellungsteile im Seiten- und Rückschiff des Grossmünsters, im Chor und in der Krypta vor. Dass es Kosten von 700'000 Franken verursacht, stiess in den vorberatenden Synode-Kommissionen auf Kritik, ebenso die Tatsache, dass die im Winter erhofften Beiträge von Sponsoren (400'000 Franken) nicht zusammenkommen dürften. Kirchenratspräsident Pfr. Ruedi Reich führte vor dem Kirchenparlament aus, er rechne nun mit Sponsorengeldern (namentlich von Stiftungen) in Höhe von immerhin 230'000 Franken. Laut dem Bericht des Kirchenrats wird in diesem Fall eine kleinere Ausstellung realisiert; ein Nachtragskredit ist ausgeschlossen.Nachdem die Aargauer reformierte Landeskirche für die Sockelfinanzierung bereits 60'000 Franken bewilligt hatte, lag der Synode der Antrag des Kirchenrats über 240'000 Franken vor. Die Rechnungsprüfungskommission beantragte die Ablehnung dieses Begehrens; die Geschäftsprüfungskommission wollte ihm nur unter dem Vorbehalt stattgeben, dass die erhofften Sponsorengelder bis zum 30. Juni definitiv zugesichert wären.
So wurde an diesem Nachmittag – wie schon lange nicht mehr – die Geschichte bemüht und die besondere Bedeutung Zürichs für die weltweite reformierte Kirche herausgestrichen. Forscher von Universitäten wie Princeton und Oxford beteiligten sich an der Vorbereitung der Fachtagung, sagte der Experte Emidio Campi. Es gehe darum, die Herkunft und Identität der Zürcher Kirche zu erkennen. Der Kirchenratspräsident seinerseits meinte, es gehe hier darum zu zeigen, „dass reformierte Kirche weltweite Kirche ist“.Darauf äusserte der Präsident der Rechnungsprüfungskommission in schon fast schuldbewusstem Ton, es gehe in ihrem Antrag nicht um die ideellen Aspekte, nur um die finanzielle Seite. Ob die Zürcher Kirche mit verschiedenen Ausstellungsmachern Kontakt aufgenommen und mehrere Offerten eingeholt hatte, wurde nicht gefragt. Auch nicht, was die hohen Kosten verursacht.
So bleibt die Erwartung, dass die Zürcher Kirche, ihren zweiten Reformator nicht nur auf den Sockel hebt, sondern ihn und die von ihm mitgeprägte Geschichte tatsächlich ernst nimmt. Ernst nimmt etwa im Punkt des Bekennens: Während die reformierten Ungarn sich bis heute um das Zweite Helvetische Bekenntnis Bullingers sammeln und daraus ihre Identität ableiten, haben es die Zürcher Reformierten, getrieben vom Rationalismus der Aufklärung, im 19. Jahrhundert über Bord geworfen. Wie also will sich das bekenntnisfreie Zürich der reformierten Welt im Jubiläumsjahr 2004 präsentieren?



