Bullinger-Jubiläum: Reformator auf den Sockel
In einer Person war Bullinger Seelsorger und Prediger (fast jeden Tag!) am Grossmünster, Kirchenvorsteher und Leiter der Vorgängerin der Universität, Politiker und Kirchendiplomat. Als weiser Theologe und kluger Vermittler, als Bekenntnis-Verfasser und grosser Briefeschreiber festigte er nicht nur das neu entstandene reformierte Gemeinwesen in Zürich; er stärkte reformatorische Aufbrüche in vielen Ländern Europas (unter anderem indem er Glaubensflüchtlingen aus Italien und England Unterschlupf gewährte) und half den jungen Kirchen in stürmischen Zeiten, Stabilität zu gewinnen.
Grosser Theologe - kaum bekannt
Bei alledem gehört Bullinger zu den weniger bekannten Reformatoren. Theologen kennen ihn als den Hauptverfasser des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses, das bis heute von den ungarischen Reformierten festgehalten wird. Bullinger wird noch viel weniger gelesen als Zwingli, obwohl er fast viermal so lange in Zürich wirkte.
Um dem nun endlich abzuhelfen, sieht die Zürcher reformierte Landeskirche fürs Jubiläumsjahr 2004 einen farbigen, von Theologie und Kultur überquellenden Strauss von Angeboten vor. Eine siebenbändige Ausgabe der Hauptschriften in modernem Deutsch soll erscheinen, auch eine kurze, illustrierte Broschüre über Leben und Werk.
Siebenbändige Werkausgabe und Fachtagungen
Schon dieses Jahr führt die Zürcher Universität im Sommersemester eine Ringvorlesung über ‚Bullinger und seine Zeit' durch; die Referate werden nächstes Jahr in Buchform erscheinen. Ende August 2004 wird ein viertägiger internationaler Kongress von Bullinger-Forschern stattfinden.
Die Aargauer gedenken natürlich mitzufeiern - jedenfalls in Bremgarten, wo Bullinger aufwuchs und bis 1531 als Pfarrer wirkte. Geplant sind ein Volksfest und ein Freilicht-Theaterstück; weiter wird ein liturgisch-szenisches Werk erarbeitet, das Kirchgemeinden aufführen können.
Eintauchen ins 16. Jahrhundert: Bullinger-Ausstellung im Grossmünster
All dies soll überstrahlt werden von einer attraktiven Bullinger-Ausstellung im Grossmünster, welche das Büro Weingarten & Partner professionell gestaltet. Laut der Vorlage, die der Zürcher Kirchenrat der Synode unterbreitet, wird die "'dreidimensionale' Ausstellung den Besucher etwas vom Alltag und von den kirchlichen Verhältnissen im 16. Jahrhundert erleben" lassen. Sie dauert vom 10. Juni bis 17. Oktober 2004.
Am 13. Juni wird - im Rahmen der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK - die offizielle Gedenkfeier mit Gästen aus dem In- und Ausland stattfinden. Während der Ausstellung sind im Grossmünster Sonderveranstaltungen geplant, darunter Orgelkonzerte und ein Tag zum kürzlich neu aufgebrochenen Thema "Die Zürcher Reformation und die Täufer", zu dem Gäste aus Freikirchen eingeladen werden. Auch Referate zur Wirkungsgeschichte Bullingers - nimmt man ihn in seiner Stadt heute noch ernst? - sind geplant.
Wie teuer darfs denn sein?
Am Dienstag berät die Synode, das Parlament der Zürcher reformierten Landeskirche, über die Vorlage - und es ist abzusehen, dass sie länger zu reden gibt. Die Rechnungsprüfungskommission will die Kosten nicht schlucken. Die Ausstellungsmacher veranschlagen für die Erarbeitung 240'000 Franken und die Realisierung nochmals 260'000 Franken; mit den Veranstaltungskosten, dem Aufwand für Sicherheit und Diverses ergibt sich ein Total von stolzen 700'000 Franken.
Davon will der Kirchenrat 240'000 Franken übernehmen, die Aargauer Schwesterkirche 60'000 Franken. Den Rest sollen Sponsoren (genannt werden: Stadt, Kanton, Stiftungen, Unternehmungen) aufbringen. Gesuche wurden im Februar versandt, bis Ende März waren erst 110'000 Franken zugesagt. Die Geschäftsprüfungskommission der Synode will dem Zürcher Beitrag nur zustimmen unter dem Vorbehalt, dass die 400'000 Franken bis Ende Juni 2003 zugesichert sind. Für Diskussion ist gesorgt.

