Ein Glas Champagner nach der Bestattung?

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Die zwei Urnen mit der Asche der Eltern werden in einem so genannten Friedwald bestattet. Und zum Abschluss gestatten sich die Hinterbliebenen im Schatten der für die letzte Ruhe ausgewählten Eiche ein Glas Champagner.

Das ist nur ein Beispiel für die (nicht nur) in Deutschland offenbar unaufhaltsame Individualisierung der Bestattungskultur. Darum ging es am Wochenende bei einer Tagung der Katholischen Akademie Freiburg im Breisgau.

"Pietät kann man nicht mehr voraussetzen; das Wort ist nur noch eine Worthülse", sagte der Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, der evangelische Theologe Reiner Sörries. Jeder definiere Bestattungskultur aus seiner Sicht - "und wie es seinem Gewerbe frommt".

Die vom Gesetz eigentlich garantierte Totenruhe werde von zuständigen Ämtern und Bestattungsunternehmern verletzt, wenn Leichen teilweise mehrere hundert Kilometer durch die Republik und sogar über Grenzen zum billigsten Krematorium gefahren werden. "Leichentourismus" nennt das der Theologe.

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Asche verstreuen aus dem Ballon

Sörries sieht eine ungeheure Kommerzialisierung des Bestattungswesens, die nach seiner Überzeugung noch stärker werden wird. Immer mehr trete auch der individuelle Eventcharakter von Bestattungen in den Vordergrund. Etwa wenn menschliche Asche aus dem Heissluftballon über dem Elsass oder aus einem Hubschrauber über dem Meer verstreut werde. Zwar sei eine traditionelle Beerdigung mit Gottesdienst und anschliessendem Leichenschmaus ein Event, aber auch ein Ausdruck von Gemeinschaft: "Früher war Trauer kollektiv."

In der freien Marktwirtschaft muss es laut Sörries einige "Schutzzonen" geben: etwa für Kinder, Behinderte, Sterbende und auch für tote Menschen. "Hier darf nicht alles erlaubt sein, was kommerziell möglich ist." Notwendig sei die Erarbeitung von ethischen Mindeststandards.

Als Beispiel nannte der Museumsdirektor die Forderung, dass Trauerfeiern in kommunalen Friedhofhallen bis zu 45 Minuten dauern könnten und nicht auf wenige Minuten beschränkt sein dürften, wie das in manchen Städten der Fall sei. Sörries plädierte auch für die Einrichtung von Beratungszentren für Bestattungskultur und für eine Erziehung zum Umgang mit dem Tod.

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"Menschenunwürdige Versorgung"

Auch der Präsident des Bundesverbands Deutscher Bestatter, Wolfgang H. Zocher, prangerte eine "menschenunwürdige Versorgung" von Leichen durch Ämter an. Von einer deutschen Bestattungskultur könne keine Rede mehr sein, sagte er. Und: "Die traditionelle Bestattungskultur ist mega-out."

Zocher beklagte, dass der Tod in der Öffentlichkeit nicht mehr vorkomme: "Das Leben in einer Grossstadt wirkt so, als ob niemand mehr stürbe." Der Verbandspräsident und Bestattungsunternehmer forderte eine neue Bestattungskultur und erinnerte daran, dass ein Grab auch ein langjähriger Ort der Trauerbewältigung sein könne.

Der in Mannheim unter anderem im Beerdigungsdienst tätige katholische Theologe Pascal Schmitt hob hervor, dass die Bestattungskultur seit der Antike immer im Wandel gewesen sei. So habe es etwa im Mittelalter für die meisten Menschen auf den Friedhöfen nur Massengräber gegeben. Anonym bestattet würden heute viele Menschen einfach aus Mangel an Geld. Viele wollten damit auch ihren Angehörigen helfen, Ausgaben zu sparen.
Vielleicht kann da ein Vorschlag des Museumsdirektors helfen. Er zahle so viel Kirchensteuern, dass die Kirche ihm eigentlich am Ende seines Lebens wenigstens ein einfaches Reihengrab finanzieren könnte, sagte Sörries. So könne die Kirche zeigen, dass sie nicht nur für die Lebenden da sei, sondern auch für die Toten.
Autor: Timm Maximilian Hirscher

Datum: 26.10.2004
Quelle: KIPA

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