Glaubwürdiger Christ
Bedauern über Horst Köhlers Rücktritt
Ein Jahr nach seiner Wiederwahl ist der deutsche Bundespräsident Horst Köhler am Montag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Er habe Respekt vor seinem Amt vermisst, liess er die völlig überraschte Presse in Berlin wissen. Die Unterstellung, er habe einen grundgesetzwidrigen Einsatz der Bundeswehr zur Sicherung von Wirtschaftsinteressen befürwortet, entbehre jeder Rechtfertigung.Ein Satz aus einem Radiointerview nach dem Afghanistanbesuch war ihm von linken Politikern angekreidet worden. Der oft scheu wirkende, zurückhaltende Köhler genoss in der Bevölkerung viel Sympathie. Der 67-jährige Volkswirt, der den Internationalen Währungsfonds geleitet hatte, erwies sich nicht als neoliberal orientierter Wirtschaftsfachmann. «Schrankenlose Freiheit bringt Zerstörung», warb Köhler zuletzt für einen starken Staat.
Bekenntnis zum Glauben
Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Werth, zeigte sich betroffen: Köhler habe sich nicht gescheut, den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auch kritische Fragen zu stellen. Werth: «Wir danken dem Bundespräsidenten darüber hinaus auch dafür, dass er sich selbstverständlich als Christ geäussert und zu seinem christlichen Glauben bekannt hat und damit auch für die christliche Werteorientierung eingetreten ist.»«Rücktritt ein Alarmzeichen»
Aus Sicht des Vorsitzenden der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften, Pastor Ulrich Rüss, verliert Deutschland, «einen glaubwürdigen und bekennenden Christen an der Spitze, der Mut zum Glauben machte und für christliche Tugenden stand». Er habe sich wohltuend von vielen Politikern abgehoben, gerade von jenen, die ihn kritisiert hätten. Rüss: «Der Rücktritt und seine Begründung sind für alle ein Alarmzeichen. Bei aller notwendigen demokratischen Streitkultur müssen wir in unserem Land den Respekt, die Achtung und die Würde von Amt und Amtsträgern wahren.»Dass der Rücktritt in eine politische Krisenzeit fällt, lässt das Bedauern über den bisher einmaligen Schritt noch grösser ausfallen. Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, erklärte, die Begründung Köhlers verlange nach einer gesellschaftlichen Debatte, «in der es um die Balance zwischen dem notwendigen Respekt vor dem höchsten Amt unseres Staates und der an Sachfragen orientierten Kritik geht». Der gesellschaftliche Zusammenhalt, das friedliche Zusammenleben und die soziale Gerechtigkeit hätten Köhler am Herzen gelegen.
«Wertvolle Debatten angestossen»
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, äusserte Respekt und Anerkennung für Köhler: «Wir sind ihm dankbar für wertvolle Debatten, die er angestossen hat.» Mit dem Rücktritt verliere man «eine Person mit hohem Vorbildcharakter, allgemeiner Anerkennung in der Öffentlichkeit und einem besonderen Interesse für die christlichen Kirchen in unserem Land».Auch Entwicklungsorganisationen reagierten mit Bedauern auf den Rücktritt. Die Deutsche Welthungerhilfe verliere mit Köhler einen engagierten Schirmherrn, der sich für die Verbesserung der Lebensumstände in Afrika einsetzte, sagte der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Jamann: «Er hat den Deutschen die Probleme aber auch die Chancen und Potenziale der Länder des Südens eindringlich nahe gebracht.» Der Vorsitzende des Verbandes Entwicklungspolitik (VENRO), Ulrich Post, äusserte, Köhler habe „das Thema Entwicklungspolitik aus der Helfer-Ecke herausgebracht und ernst genommen». Köhlers Inititative «Partnerschaft mit Afrika» sei ein Versuch, einen echten Dialog auf Augenhöhe zu führen, mit afrikanischen Politikern, aber auch mit kritischen Intellektuellen aus Afrika.
Quellen: Livenet / epd, idea

