Kommentar

Prostitution und Moral

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Nach einer Schätzung kaufen 350.000 Männer in der Schweiz Sex bei Prostituierten. Auch wenn diese Zahl – jeder Sechste zwischen 20 und 65 – zu hoch gegriffen sein sollte: Prostitution ist ein Milliardengeschäft. Dass Frauen ihren Körper feilbieten, gehört bedauerlicherweise zum urbanen Alltag. Sie werden teils wie Sklavinnen ausgebeutet, erpresst und misshandelt, vor unseren Augen – die tolerante Schweizer Gesellschaft findet sich damit ab. Wie auf anderen Märkten spielen beim Sex Angebot und Nachfrage – so ist das eben.

Wird das Verfahren gegen äusserst brutale Zuhälter in Zürich daran etwas ändern? Aus Anklageschrift und Prozess bringen die Zeitungen abscheuliche Details. Die vier Roma aus Ungarn haben 15 Frauen wie Sklavinnen gehalten und auf den Strassenstrich geprügelt. Einer der vier schlug eine Frau fast täglich, quälte und vergewaltigte sie. Die Zuhälter verkauften einander Frauen für einige hundert Franken. Als zwei Prostituierte schwanger wurden, prügelten sie die Föten aus ihren Bäuchen heraus. Die Staatsanwältin fordert zwischen 4,5 und 16 Jahren Gefängnis.

Ein Blick zurück zeigt: Der Umgang mit Prostitution war mit Heuchelei verbunden. Heute sind moralische ‚Bedenken‘ verflogen; die Gebote des Gottes der Bibel, die Frauen vor dieser Ausbeutung schützen (Sex nur mit dem Ehepartner), scheinen vergessen. Allein mit Verboten, wie sie jetzt gefordert werden, lassen sich aber die Auswüchse nicht stoppen. Wie geht die Gesellschaft, die die Selbstbestimmung des Einzelnen hochjubelt, mit Frauen um, welche die Drogensucht auf den Strich treibt – und mit dealenden Zuhältern?

Wenige christliche Teams wie das Chrischtehüsli und beherzte EinzelkämpferInnen bieten im Zürcher Milieu Hilfe an. Bei Hunderten ausgebeuteter Frauen zu wenig. Die Heilsarmee ist präsent. Die Landeskirchen geben Geld, etwa für die Beratungsstelle Isla Victoria. Im übrigen schaut man weg.

Wird die Empörung nach dem Zuhälter-Prozess verfliegen und die Gleichgültigkeit zurückkehren? Der Kampf gegen die Zuhälterei ist für die Behörden eine Sisyphus-Arbeit: «Wenn man an einem Tag fünf Personen verhaftet, sind am nächsten Tag fünf andere da», schreibt die Anklägerin im Zürcher Prozess. Die Justiz kann es nicht richten, die Stadt die Freier nicht verbannen. Die Kirchen und alle gesellschaftlichen Kräfte, denen die Würde der Frauen am Herzen liegt, sind gefordert, der Prostitution entgegenzutreten. Mit Hilfe für die Betroffenen, auch mit Moral.


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