Claudio Minder "Das gab mir zu denken" - Claudio Minder - die Serie (13. Folge)
In der 3. Welt
Sieben Kandidaten, darunter ich, fuhren für einen Dreh mit einem Schiff in ein kleines Hafenstädtchen. Dort landeten wir in der dritten Welt. Kinder verkauften Zigaretten und Briefmarken und putzten den älteren Leuten die Schuhe. Unser Tross mit Leuten von der Organisation und einem zehnköpfigen TV-Team war die lokale Sensation. So etwas war noch nie dagewesen. Alle wollten zuschauen. Wir schlenderten durch die Strassen, kauften etwas in den Geschäften. All das wurde gefilmt. Banalitäten. Big Brother "On Tour". Überall Lächeln und "Hallo" sagen. Das war alles. Alles und nichts.
Die reichen "Showstars" marschieren durch die Stadt und werden von Paparazzis "bedroht". Sie lachen, haben Geld und geben es aus. Daneben sitzen Strassenkinder am Strassenrand und verkaufen Karten und Nüsse. Krasse Gegensätze, die mir zu denken gaben.
3 Schönlinge vom Dienst
Konkurrenz entstand bei Gruppenfotos. Einerseits gab es Typen, denen es völlig gleich war, ob sie links aussen auf dem Bild stehen, ob sie oben ohne posieren sollten oder nicht. Andere dagegen rangelten darum, sich ins beste Licht zu rücken, darauf bedacht, möglichst die auffälligste oder beste Rolle zu übernehmen während die anderen im Schatten stehen sollten. Bei Gruppenfotos wollten sie vorne stehen oder liegen. Zu den "ich und sonst keiner" Kandidaten gehörten vorwiegend drei.
Noch machte die Wahl keinen nervös. Sie war noch zu weit weg. Am Sonntag in der Früh kehren wir aus der Türkei zurück, am Nachmittag arbeitete ich für meine Basler Agentur. Am Montag wurden wir Kandidaten dann Offiziell vorgestellt. An den Wochenenden bis zum Wahlabend, der bereits auf wenige Wochen herangerückt war, folgte nun ein Feuerwerk von Auftritten: In einer Diskothek im Tessin dann in St. Gallen und darauf in der Westschweiz und so weiter.
Weit nach 3 Uhr
In den Diskotheken zeigten wir die gleichen zwei Showblöcke, mit denen wir uns später an den Mr. Wahlen präsentieren sollten. Diese Promo-Tour war zugleich eine Vorbereitung um uns Routine anzueignen und uns ans Publikum zu gewönnen.
Im ersten Teil zeigten wir uns elegant in Anzügen und Krawatten. In dieser Aufmachung wurden wir dem Publikum kurz vorgestellt: "Das ist der Claudio Minder aus Basel. Er ist 20jährig und arbeitet als Zollbeamter."
Anschliessend mussten wir uns umziehen und den Tanzteil vorführen. Im zweiten Teil folgten die Showblocks der Zweierteams, die wir in der Türkei formten. Einige zeigten einen Tanz oder eine Kampfsportart. Unsere beiden "Freunde" waren auch in dieser Disziplin zusammen. Mein Kandidatenkollege und ich fuhren mit Kick Boards auf die Bühne, tanzten zuerst mit den Boards, dann miteinander und verzogen uns wieder.
Ab Ende März wurde der Titelkampf immer zentraler. Immer wieder wurde ich bei der Arbeit von Kollegen darauf angesprochen und ständig folgten Telefonate die sich um unsere nächsten Auftritte drehten. Ich musste um die Arbeit rum organisieren und schauen, dass ich rechtzeitig zu den Auftritten nach Genf und ins Tessin komme. Alles andere rückte in den Hintergrund. Kein Privatleben mehr. Manchmal kam ich morgens um viertel vor sieben von den Auftritten zurück.
Keine 3 Tage
Seit der Anmeldung wären 70 Arbeitstage am Zoll möglich gewesen. Inklusive Wochenenden. Bis zum Wahlabend tauchte ich oft nur noch einmal pro Woche auf. Mittlerweile freuten sich auch meine Vorgesetzten mit mir. Sie sahen mich hier in einer Zeitung und da in einer Zeitschrift.
Der Zoll, dass ist ein Clan, eine Familie. Alles spricht sich rasch herum. Plötzlich wussten alle, von Basel bis Chiasso und von Genf bis Kreuzlingen: "Der Claudio, einer von uns, der am Bahnhofszoll in Basel arbeitet, steht im Finale der Mr. Schweiz Wahl. Einer von uns!" Meine Vorgesetzten standen mittlerweile voll und ganz dahinter und als die "Basler Zeitung" einen Artikel über mich veröffentlichte, hängten sie diesen an die Infowand.
Damals las ich alles, was über mich geschrieben wurde. Ich organisierte mir die Artikel und sammelte sie. Davon bin ich mittlerweile weggekommen. Vieles bekomme ich heute nicht mehr mit und den grössten Teil weiss ich ohnehin. Ich bin immer am gleichen Datum geboren und habe immer etwa dieselben Hobbys. Einzig der Grund für die Veröffentlichung ändert sich. Mal geht es um einen Sportanlass, dann um eine Modeschau und so weiter..."
Aufgezeichnet von Daniel Gerber
Gold in Sicht
Zum Start der Serie Claudio Minder: www.livenet.ch/www/index.php/D/article/14/8721/
Webseite: www.claudiominder.ch



