Panzerfahrer Claudio: «Keine Schützenhilfe für Berlusconi!». Claudio Minder – die Serie (6. Folge)
Livenet.ch: Claudio Minder, zur Strafe musstest du Wache schieben ...
Naja, ich bin nicht der Militärfreak. Kein Rambotyp. Wir hatten eine Einsatzbesprechung an einer rund 250 Meter entfernten Stelle. Alle rannten hinter dem Chef her. Ein paar wenige, darunter ich, nahmen es gemütlicher. "Es geht auch mit Normallaufen", sagte ich dem Vorgesetzten. Dann wurde die Wache eingeteilt, prompt mit mir.
Laufen war in diesem WK (1) ohnehin nicht gerade deine Stärke ...
In der Sportstunde gab es einen Parcours. Nach 30 bis 50 Meter joggte ich mit ein paar anderen in den Wald. Dort liessen wir uns nieder und plauderten, später wollten wir uns den Rückkehrern anschliessen. Als die ersten dann antrabten, haben sie uns gesehen, was nicht so gut ankam. Es hiess: "Wenn wir Sport machen, hat sich jeder daran zu halten." Am Abend musste ich einen Puch (2) in den Wagenpark fahren und dessen Scheibe reinigen und dann zurücklaufen. Am Morgen dann musste ich in den Park zurückmarschieren und den Puch wieder holen. Den Wagen gleich wieder mitnehmen wäre ja uuuunmöglich gewesen.
Klingt alles in allem nach einer lockeren Angelegenheit. Angriffe aus dem Ausland waren ohnehin nicht zu erwarten: Italien stritt mit Deutschland und auch Frankreich hielt sich am Nationalfeiertag zurück. Die Schweiz und deren Armee hatte ihren Frieden.
Die WK-Zeit war nicht besonders hart. Nur lang: Morgens um 5 Uhr mussten wir aufstehen, hatten dann einen Auftrag und später nichts zu tun, also legten wir uns in die Sonne. Oder dann waren wir mit den Panzern am Schiessen, konnten aber nur bis Mittag weitermachen, weil am Nachmittag andere die Piste brauchten.
In einen Krieg würde ich nie eintreten. Ich würde desertieren. Was mir Angst machen würde, wären Minen, Schluchten oder andere Panzer. Allerdings: Welches Land sollte die Schweiz angreifen, und was wollten sie anschliessend mit dem Land machen?
Mit dem Panzer könntest du auch im WK in eine Schlucht fahren.
Nein, da sind wir auf ungefährlichen, festgelegten Strecken unterwegs.
Der italienische Regierungschef Berlusconi hätte dich samt Panzer aber gebrauchen können. Hättest du ihm nicht zur Seite stehen wollen?
Nein. Nicht nur weil Berlusconi sehr unterhaltsam ist. Obschon ich seine Inhalte anzweifle. Interessant ist, was man mit einem einzigen Satz anrichten kann (3). Mein Panzer würde da auch nicht viel helfen.
Ansonsten ist er aber nicht von schlechten Eltern.
Der "Leo 2" hat 2500 PS und ein Leergewicht von 57 Tonnen, eine 12-Zentimeter-Kanone sowie zwei MGs und Ledersitze. Wir sind zu viert drin: ein sogenannter Richter, der die Ziele anvisiert, ein Lader, der Kommandant und ich als Fahrer.
Auch Liechtenstein verhielt sich ruhig, so ganz ohne Angriff.
Das wäre nicht lustig, die haben keine Armee. Einzig der Fürst in Personalunion.
Geschossen habt ihr dafür in der Nähe der Landesgrenze.
Im Hinterrhein schossen wir scharf. Das war gewaltig. Ein richtiges Feuerwerk. Mama Mia! Man sieht genau, wohin die Schüsse fliegen. Bei einer Munitionsart wird das gegnerische Fahrzeug durch kinetische Energie zerstört. Beim Aufprall wird Uran freigesetzt, dabei entsteht eine solche Hitze, dass die Besatzung im Innern durch die Wärme stirbt. Im WK schossen wir nicht mit solcher Uran-Munition.
Welches war das Highlight deines Dienstes?
Einerseits, dass wir pro Woche zwei bis drei Mal grillierten. Ebenso die Leute die ich getroffen habe. Andererseits die Rückgabe der Fahne. Einer sang die Nationalhymne, wir standen in Achtung. Die Hälfte der Kompanie lachte sich krumm, ich hatte Tränen in den Augen. Auch Daniel Kübelböck oder Nella Martinetti hätten das so nicht hingekriegt. Eigentlich stimmte ja alles, aber diese opernhafte Stimme passte einfach nicht. Zuerst habe ich noch gedacht, es sei eine Komödiendarbietung, die nach ein paar Sekunden aufhört. Aber das tat sie nicht.
Wurdest du wegen deiner Zeit als Mr. Schweiz im WK dumm angemacht?
Es gab Leute, die schauen wollten, wie es mit meinen Grundsätzen aussieht. Einige sagten, sie hätten mich falsch eingeschätzt. Zum Beispiel beim 25-Kilometer-Marsch dachten sie, ich würde ihn nicht zu Ende gehen, sondern nach zwei Kilometern aufgeben. Aufgrund der Geschichten, die über mich publiziert worden waren, fragten einige nach. So entstand das eine und andere Gespräch über den Glauben.
Regelmässig trifft man im WK Leute, die sagen, sie würden ganz bestimmt vom Dienst loskommen, beim nächsten Mal trifft man sie aber genau gleich wieder. Und du willst nun auch vom Militär loskommen?
Ich werde nie mehr einen WK machen. Ich bin untauglich und habe ein grosses Problem mit meinem Rücken. Meine Röntgenbilder bestätigen es.
Das gibt einfach eine Tragdispens (4) ...
Nein, wenn mein Arzt ein "Untauglich" schreibt, wird es dabei bleiben. Allerdings habe ich auch schon an eine Umteilung gedacht.
Angenommen, du hättest den Militärdienst in Italien "geniessen" dürfen, wie hätte es da ausgesehen?
Dort muss man ein Jahr am Stück durchdienen. Man ist auf ganz Italien verteilt und kann nicht jedes Wochenende nach Hause. Man geht zwischen 18 und 20 Jahren in den Dienst, je nach Ausbildung auch später, aber spätestens mit 24 muss man einrücken.
(1) = WK steht für Wiederholungskurs, der neu Felddienst (Fdt) heisst.
(2) = Puch ist ein Geländewagen, optisch dem früheren Jeep am ähnlichsten.
(3) = Zu Beginn von Italiens EU-Vorsitz sorgte Berlusconi mit einer wenig sinnvollen Äusserung für eine diplomatische Krise mit Deutschland.
(4) = Im Militär gibt es verschiedene Dispensen, die zum Beispiel von Marschier- oder Tragpflicht befreien.

