Atatürks säkulares Erbe

Türkische Mehrheit steht religionspolitisch nicht hinter Erdogan

Eine neue Umfrage zeigt, dass die Mehrheit von Erdogans Landsleuten seinen massiven politislamischen Kurs nicht unterstützt.

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Recep Tayyip Erdogan
Laut der Untersuchung, die von der angesehen türkischen MetroPOLL durchgeführt wurde, sprachen sich 70,6 Prozent der Befragten auch heute noch für den Fortbestand des Systems eines weltlichen und areligiösen, doch nicht antireligiösen Staates aus. Dieses wurde vom europäisieren Atatürk in den 1920er- und 1930er-Jahren begründet. Der Islam spielt in dieser Ordnung weiter eine wichtige Rolle, jedoch als Bestandteil der türkischen Nationalität und nicht als übernatürliche und übernationale religiöse Botschaft.

Atatürk und Islam

Nur 19,3 Prozenz unterstützen eine Re-Islamisierung der Türkei im Sinne von Erdogan und seiner Partei für «Gerechtigkeit und Aufbruch» (AKP). 67,1 Prozenz halten eine Synthese von Säkularismus und Islamismus für möglich. In diese Richtung scheint sich auch Erdogan innenpolitisch – bei allem Hochspielen einer rein islamistischen Linie nach aussen – mit seiner neuen Defacto-Devise «Atatürk und Islam» zu bewegen. Damit wendet er sich auch an die Anhänger der letzten noch ernst zu nehmenden Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei), die selbst auf Atatürk zurückgeht. In ihren Reihen halten 84,7 Prozent einen Ausgleich zwischen Atatürks europäisch-zivilisatorischem Erbe und einer Wiederentdeckung islamischer Werte, Kultur und Lebensformen der alten osmanischen Türkei für wünschenswert.

Korruptionsvorwürfe stehen im Raum

Eigentlicher Anlass zu der noch vor Ausbruch der neuen Jerusalemkrise in Auftrag gegebenen, aber erst auf den Jahreswechsel 2017/18 veröffentlichten Meinungsforschung waren die jüngsten Korruptionsvorwürfe gegen Erdogan und seine Familie in Millionenhöhe. Es geht dabei um Umgehungsgeschäfte aus den Jahren des westlichen Iran-Embargos. Bei ihnen wurden iranische Exporte, vor allem von Erdöl und seinen Produkten, gegen Zahlung in Gold über die Türkei abgewickelt. Dabei sollen Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak, der Minister für Energie und Bodenschätze ist, sowie andere Verwandte enorme Profite in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben. Die Affäre flog schon im Dezember 2013 auf und kostete damals Wirtschaftsminister Mehmet Zafer Caglayan seinen Posten. Der Familien-Clan konnte sich noch reinwaschen.

Korruption islamisch rechtfertigen?

Schon damals wurde in islamistischen Kreisen die Ansicht verbreitet, es habe sich um Beistand für die iranischen Glaubensbrüder und damit um ein Allah wohlgefälliges Werk gehandelt. Auch bei Profiten daraus gehe es um «Gotteslohn». Als nun bei einem Prozess in den USA gegen einen Handlanger der Erdogans bei diesen Irangeschäften, Reza Zarrab, die ganze Affäre erneut hoch kam, stellten die türkischen Meinungsforscher gezielt die Frage nach der moralischen Zulässigkeit oder gar religiösen Verdienstlichkeit dieser Manipulationen. Auf die Formulierung «Ist Korruption unter allen Umständen Diebstahl?» wurde das von 58,4 Prozent der Türkinnen und Türken bejaht, während es immerhin 33,1 Prozent der Befragten nachdrücklich verneinten. Sogar 39,6 Prozent meinten, dass ein Urteil darüber nur nach islamischen Gesichtspunkten gefällt werden dürfe.

Ängste vor islamischen Kopftüchern und Bärten

Eine weitere Frage betraf die Zunahme der sich durch Kopftücher oder Bärte wieder als strikt islamisch manifestierenden islamischen Gruppen in der lang zumindest äusserlich und in den Städten europäisierten türkischen Gesellschaft. 37,7 Prozent der Befragten fühlen sich durch diese islamistischen Manifestationen beunruhigt, wenn nicht gar bedroht. 29,4 Prozent hingegen begrüssen die öffentlichen Zeichen von muslimischer Gesinnung und Lebensart.

In dieser Frage sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen politisch-ideologischen Lagern der Türkei besonders gross: Nur 18 Prozent der AKP-Anhänger stossen sich an Kopftuch, islamischer Barttracht und anderen Äusserlichkeiten, während das 63 Prozent der CHP-Gefolgschaft tun. Bei der Minderheitenpartei HDP, die grösstenteils Kurden liberaler alevitischer Muslimtradition, aber auch Christen und Juden vertritt, belaufen sich die erklärten Kopftuchgegnerinnen und Gegner auf 50 Prozent.

70 Prozent für Koexistenz von Christen und Muslimen

Und sogar bei den mit Erdogan liierten radikalen Nationalisten von der MHP lehnen 37 Prozent eine Rückkehr des Islams ins öffentliche Erscheinungsbild ab. Das entspricht ziemlich genau jener MHP-Fraktion unter Führung der Politikerin Meral Aksener, welche die Gleichschaltung der Partei mit Erdogans AKP beenden will.

Schliesslich sind 69,5 Prozent der Befragten überzeugt, dass Muslime und Christen sowohl in der Türkei wie weltweit friedlich zusammenleben sollen und können, während doch 24,6 Prozent der heutigen Türkinnen und Türken an einen gegenseitigen Vernichtungskampf zwischen Halbmond und Kreuz glauben.

Zum Thema:
Türkei: Nach dem Referendum: «Christen sind bedeutungslos geworden – ausser als Feindbild»
«Der Reis»: Präsident Erdogan als muslimischer Filmheld
Bürgermeisterin abgesetzt: Erdogan verstärkt Repression gegen Christen

Datum: 03.01.2018
Autor: Heinz Gstrein
Quelle: Livenet

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