Irak: Christentum in Mosul vor dem Aus?

Zoom
Die zerfallene Synagoge in El Kosh, der Geburtsstadt des Propheten Nahum (Fotos: Gunnar Wiebalck).
Es scheint, als stünde das Christentum der zweitgrössten Stadt des Irak vor dem Aus. Zwischen Ende September und Mitte November 2008 sind mehr als die Hälfte der verbliebenen 25'000 Christen geflüchtet. Gunnar Wiebalck, Mitarbeiter eines Hilfswerks, spricht von einer «Litanei des Schreckens».

Gunnar Wiebalck, Mitarbeiter bei Christian Solidarity International (CSI), reiste im November 2008 in die Stadt Mosul im Norden des Irak. Er besuchte Angehörige der christlichen Minderheit. «Wir haben eine christliche Gemeinschaft getroffen, die vor der Auslöschung steht. Unsere Interviews mit diesen Menschen legen nahe, dass das Ende des Christentums in Mosul gekommen ist.»

Vor vier Jahren lebten dort noch mehr als 200'000 Christen, heute sind etwa 90 Prozent von ihnen geflüchtet - ein Niedergang, der von verschiedenen Quellen bestätigt wird.

Ein klarer Vernichtungsplan
«Wir besuchten die Flüchtlingsfamilien in den Dörfern und Städten in der Ninive-Ebene östlich von Mosul und trafen auf Familien, die ihre Ernährer und ihre Söhne verloren haben, Leute, deren Angehörige geköpft und deren Häuser in die Luft gesprengt wurden.»

Keiner der Befragten habe es aber gewagt, «Ross und Reiter» beim Namen zu nennen. Man könne nur vermuten, wer hinter der Welle der Gewalt stehe. Die Hintermänner dieser Verbrechen wollen die Christen planmäßig aus der Gegend vertreiben.

Gunnar Wiebalck: «Das wird gnadenlos durchgeführt. Wenn es so weitergeht, ist das Ende der Christen nicht nur in Mosul gekommen, sondern im ganzen Irak. Damit hätten sie dasselbe Schicksal, das die Juden im Irak vor 50 Jahren durchgemacht haben.»

Im Irak gibt es inzwischen keinen Juden mehr. Ihre Synagogen wie zum Beispiel beim Grabmal des Propheten Nahum in El Kosh liegen in Trümmern. Wiebalck: »Im Moment flüchten die Menschen in die Ninive-Ebene, nach Syrien, Jordanien und in die Türkei; die meisten sind aber in der Ninive-Ebene, wo wir 400 Familien Lebensmittel bringen konnten.»

Autonome Ninive-Ebene?
Es sei dringend nötig, diejenigen Kräfte zu stärken, die sich für ein autonomes Gebiet für Christen in der Ninive-Ebene stark machen. Dies könnte zu einer grösseren Sicherheit und einer Umkehr der Fluchtbewegung führen. In der Stadt Mosul sei es wohl zu spät für solche Bestrebungen. Die Ninive-Ebene aber sei ein Gebiet mit einer christlichen Mehrheit. Würde sie gestärkt, könnte dies zu einer Rückkehr der christlichen Flüchtlinge aus Syrien und Jordanien führen, vermutet Wiebalck.

Wahnwitzige Kirchenbauten

Zoom
Eine der protzigen Kirchen; diskret fotografiert.
In den Dörfern und Städten, in denen die Flüchtlinge jetzt leben, herrscht grosse Armut. Überall liegt Müll und mittendrin weiden Schafe. Dennoch werden dort sogar im Jahr 2008 gigantische Kirchen erstellt: mit Marmorsäulen, Fresken, Teppichen und Klimaanlagen.

Unklar ist laut Gunnar Wiebalck, wer den Bauboom finanziert. «Das Geld läuft über den kurdischen Finanzminister Sarkis Agajan. Die Kurden wollen die Christen in der Ninive-Ebene mit Zuckerbrot und Peitsche dazu bringen, für einen Anschluss an Kurdistan zu stimmen. Die Geldgeber dieser wahnwitzigen Kirchenbauten sollten wissen, dass ihre Investition völlig fehl am Platz ist. Diese Gelder sollten an die Flüchtlinge gehen, die ihre Häuser verloren haben. Stattdessen entstehen dort mit einem Millionenaufwand Kirchen, die wahrscheinlich schon in wenigen Jahren in Moscheen umgewandelt werden.»

Lesen Sie auch:
Irakische Christen: Exodus bis zum bitteren Ende?
Exodus der Christen aus der Tigris-Metropole Mosul
Im Irak entsteht eine Evangelische Allianz
«Schlimmer als unter Saddam»

* In der Schweiz setzen sich mehrere Werke für verfolgte Christen ein. Sie bilden zudem die «Arbeitsgemeinschaft Religionsfreiheit»; eine Arbeitsgruppe der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA). Website: www.verfolgung.ch

Die Werke in alphabetischer Reihenfolge:
Aktionskomitee für verfolgte Christen (AVC)
Christian Solidarity International (CSI)
Christliche Ostmission (COM)
Hilfe für Mensch und Kirche (HMK)
Licht im Osten (LIO)
Open Doors
Stiftung Osteuropa Mission Schweiz (OEM)

Datum: 24.11.2008
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

Anzeige


Mehr aus dieser Kategorie


Turkmenistan

Andersgläubige sind rechtlos

Mit Turkmenen, die nicht glauben und sich nicht ducken wie die grosse Mehrheit, gehen die Behörden des  zentralasiatischen Landes ganz unzimperlich um. Zwei staatlich registrierte Pfingstgemeinden in Dashogus und Turkmenabad organisierten eine ...
Türkische Religionspolitik

Staat mischt bei Wahl religiöser Oberhäupter mit

Der türkische Staat mischt sich weiterhin in die Wahlen von Oberhäuptern nicht-muslimischer Religionsgemeinschaften ein. Die Regierung in Ankara unternimmt auch keinerlei Versuche, diese Einmischung zu verbergen. Dies widerspricht der ...
Pakistan

Den Opfern der Jahrhundertflut helfen

Als die Dämme brachen, konnten sie nur noch ihre Kinder packen und rennen. Mir Akber Khans Familie hat die gesamte Existenzgrundlage in den Fluten verloren. Wie sie stehen Millionen von Menschen vor dem Nichts und kämpfen bei feuchtheissem Wetter ...
Malediven

Blaues Paradies ohne Freiheit

Die Partei des früheren Dikators Gayoom drängt den 2008 gewählten Präsidenten Mohammed Nashid, die islamische Prägung der Malediven zu schützen. Das Inselreich ist in eine politische Krise gestürzt. Der im Oktober 2008 gewählte neue Präsident, ...


Neueste Nachrichten

Werbung

Werbung

VERANSTALTUNGEN

17. / 18. September in Thun und Rapperswil
Das Training für leidenschaftliche Christen!
6. / 7. September in Biel und Zürich
Das Evangelium authentisch und zeitgemäss kommunizieren

pixel.jesus.ch


Tragen Sie jetzt Ihr eigenes Stück
Livenet.ch & Jesus.ch ein.