2700 Jahre im Exil – jetzt dürfen die Söhne Manasse heim

Der neuste Indiana Jones-Film? Nein, es ist real: In den indischen Staaten Mizoram und Manipur wurde ein jüdischer Stamm aus der Bibel entdeckt. Nach 2700 Jahren kehrt er zurück: Lesen Sie unser Exklusivinterview mit Michael Freund, dem Direktor der jüdischen Rückkehrer Organisation «Amishav».

Die Armeen aus Mesopotamien überrollten im Altertum vor 2700 Jahren den Nahen Osten, auch Israel wurde besetzt, der Stamm Manasse musste ins babylonische Exil. Als sie dieses endlich verlassen durften, gab es keinen jüdischen Staat mehr und so begann für die Söhne Manasse eine Odyssee in den südostasiatischen Raum. Des Wanderns müde, wieder Westwärts ziehend blieben sie irgendwann hängen, dort wo heute die beiden indischen Bundesstaaten Manipur und Mizoram sind. Sie sind jüngst bekannt geworden als «Bnej Menashe» (Söhne Manasse). Manche von ihnen haben die jüdische Tradition und ihren Glauben beibehalten und wollen nun in Israel einwandern. Solchen ist die Organisation «Amishav» behilflich. Daniel Gerber traf deren Direktor Michael Freund in Tel Aviv.

Daniel Gerber: „Wie steht es um die Bnej Menashe, dem verlorenen Stamm Manasse?“
Michael Freund: „Ich war vor ein paar Wochen in Indien, wo wir die Bnej Menashe besuchten. Es war eine sehr erfolgreiche Reise. Der jüdische Chefrabbi Shlomo Amar, entschied zwei Rabbis als seine Repräsentanten nach Indien zu senden um die Gemeinschaft zu untersuchen und mehr über ihre Geschichte und Tradition zu lernen. Das geschah zum ersten Mal. Wir begleiteten die beiden Rabbis in den Nordosten von Indien, in die Staaten Manipur und Mizoram, wo die Mehrheit der Bnej Menashe lebt. Die Rabbis konnten Mitglieder der Gemeinschaft besuchen und sehen, wie sie ihren Sinn für ihre jüdische Identität bewahren konnten. Wir hoffen, dass als Resultat dieses Besuches das israelische Chefrabbinat in Kürze die Bnej Menashe als Teil der jüdischen Gemeinschaft versteht. Das wäre ein Durchbruch und wir hoffen, dass damit der Weg geöffnet wird, zur Rückkehr aller Bnej Menashe nach Israel. Sie wurden vor sehr langer Zeit von uns weggerissen. Vor 2700 Jahren wurden sie ins Exil verschleppt. Aber sie vergassen nie, wer sie sind und woher sie kommen. Nun schaut es so aus, dass die verlorenen Söhne Manasse nicht mehr länger verloren sind. Sie werden heimkommen.“

„Früher hatten Sie politische Probleme und die Einwanderung der Bnej Menashe wurde gestoppt. Ändert sich das jetzt?“
„In den letzten zehn Jahren brachten wir 800 Menschen aus dieser Gemeinschaft ins Land. Sie leben nun als Israeli und Juden hier. Im letzten Jahr wurde ein neuer Innenminister ernannt, Avraham Poraz. Und er ist bekannt, für seine stark säkularen Ansichten, für seine negative Einstellung gegenüber Religion. Als er Minister wurde, entschied er, die Einwanderung der Bnej Menashe zu stoppen. Das war im letzten Juni. Seither hat er uns nicht mehr erlaubt, zusätzliche Mitglieder dieser Gemeinschaft einwandern zu lassen. Das Chefrabbinat wird jedoch insistieren – wie früher bei den äthiopischen Juden – die Einwanderungen dieser indischen Juden muss möglich sein. Mein Ziel ist, bis zum Ende dieses Jahrzehnts alle Bnej Menashe, die einwandern wollen, hier in Israel zu sehen. Ich will sie hier leben und ihren Traum träumen sehen. Ich hoffe und ich bete, dass Gott die Türen öffnet, dass sie zurückkehren können.“

„Wie viele Bnej Menashe wollen nach Israel kommen?“
„Es sind zwischen 7000 und 8000 die ein jüdisches Leben führen. Manche von ihnen haben viele Kinder und die Gemeinschaft wächst konstant. Es gibt auch immer wieder neue Mitglieder. Eine exakte Zahl ist schwierig zu nennen. Wir hoffen nun aber, dass es diesen bald erlaubt wird, einzuwandern. Die 800, die nun bereits in Israel leben wurden gut aufgenommen. Sie arbeiten, sie dienen in der Armee, sie führen gute Familien und sind ein integerer Teil der Gesellschaft. Israel ist ein Schmelztiegel. Eine Nation mit einer riesigen Anzahl Personen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Hier leben Juden aus Ost, West, Nord und Süd. Weisse und schwarze. Religiöse und Nichtreligiöse. Und so ist es nur natürlich, dass die Bnej Menashe hier ihren Platz gefunden haben. Sie stehen nicht draussen, wie sie es vielleicht in einem anderen westlichen Land tun würden. Hier sind sie ein Teil des wunderschönen Mosaiks der israelischen Gesellschaft.“

„Es gibt aber auch die andere Seite. Vor kurzer Zeit gab es aber einen tragischen Zwischenfall. Einer der Bnej Menashe der in Gush Kativ, einer jüdischen Gemeinschaft in Gaza lebt, sass an einem Abend daheim vor seinem Computer. Als ein palästinensischer Terrorist eine Rakete abfeuerte. Die Rakete traf sein Haus. Seine Mutter und eines seiner Geschwister waren gerade im Haus. Danke Gott, dass sie keinen Schaden nahmen. Aber dieser junge Mann wurde durch diese Attacke schwer verwundet. Die Rakete schlug im ersten Stock ein und zerstörte alles komplett. Er wurde durch Metallteile der Rakete am Kopf und an den Beinen getroffen. Er wurde übel verletzt. Er wurde rasch ins Spital gebracht, wo der Arzt sein Leben retten konnte - Gott sei Dank. Er versucht sich nun zu erholen.“

„Werden nun die übrigen Bnej Menashe in Indien von einer Einwanderung absehen?
„Überhaupt nicht. Die Bnej Menashe lassen sich – wie die Juden überall – nicht durch ihre Feinde einschüchtern. Die Bnej Menashe sind mit dem Land Israel verbunden. Wie jeder Jude. Gewalt, Verletzung und Unglück bringen sie nicht davon ab, ihren Traum der Heimkehr zu erfüllen.“

„Wie ist die Situation der Menschen vom Stamm Dan, in Äthiopien?“
„Innenminister Poraz sorgte auch hier für eine Menge Probleme. Nachdem die israelische Regierung, die Aljia der restlichen 20'000 jüdischen Äthiopien gutgeheissen hatte, erhielt Poraz seinen Posten als Minister. Von Anfang an war ihm jedes Mittel recht, um die Einwanderung zu verhindern. Obwohl die äthiopischen Juden unter miserablen Bedingungen, sogar unter Hunger und in Bedrängnis leben, reduzierte er die Zahl derer, die kommen durften, enorm. Erst als Ende letzten Jahres eingewanderte, äthiopische Juden in Israel vor dem höchsten Gericht protestierten – erst dann gab Poraz nach und erlaubte ein grösseres Einreisekontingent.“

„Seine Motivation ist leider Rassismus, er grenzt diese Gruppen – die äthiopischen Juden und die Bnej Menashe – aus weil sie andere Merkmale haben, sie sind nicht weiss. Kürzlich sagte er im israelischen Armeeradio sogar, der Grund warum er die Bnej Menashe nicht kommen lasse sei, dass Israel nicht mehr Einwanderer aus der Dritten Welt brauche. Für mich ist das ein rassistisches Statement. Es hat keinen Platz in einer liberalen Demokratie wie Israel. Ich lehne solche Haltungen natürlich ab. Zionismus und Judaismus waren immer farbenblind. Wir haben Leute nie nach Gesichtsfarbe oder ethnischem Ursprung beurteilt. Das soll auch so bleiben. Es ist interessant, dass Poraz aus Rumänien kam, das in den 40er und 50er Jahren kein Land der ersten Welt war. Wenn Israel damals dieselbe Politik angewendet hätte, hätte er nicht heim kommen dürfen. Er würde besser einmal darüber nachdenken!“

Lesen Sie die Fortsetzung: Söhne Israels in Afghanistan

Datum: 19.10.2004
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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