USA: Wie süss darf das Evangelium schmecken?

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„Jedem ist klar, dass Evangelikale verzweifelt geistliche und moralische Erneuerung brauchen": In den USA stellen Beobachter der Szene im Jahr 1 nach Bush bohrende Fragen - und versuchen, es in der Konsumgesellschaft konstruktiv zu tun.

In einem Tour d'horizon nimmt Mark Galli, Hauptredaktor des renommierten Magazins ‚Christianity Today‘ (CT), die einzigartig vielfältige evangelikale Szene der USA in den Blick. Welche Christen haben nicht schon die Botschaft von Christus verniedlicht, wenn sie sie Mitmenschen nahe bringen wollten? Und dem Sog der Konsumgesellschaft Tribut gezollt?

Im Sumpf der Selbstbezogenheit

Doch US-Evangelikale reden nicht nur oberflächlich, sie handeln und leben auch weithin wie ihre nicht durchs Evangelium verpflichteten Landsleute - in einem Ausmass, das vielen ein Dorn im Auge ist. Galli erwähnt Ron Siders Appelle zum Engagement für soziale Gerechtigkeit und den Buchtitel „Pagan Christianity" (Heidnisches Christentum) von Frank Viola und George Barna.

‚Evangelical‘ verwendet er in dem weiten Sinn, mit dem auch Pastoren evangelikaler Gemeinden konfrontiert sind: Sie hätten es mit Menschen zu tun, die sich selbst als bibelgläubig, wiedergeboren, gerettet oder evangelikal bezeichnen, doch mit ihrem Glauben und Verhalten weit hinter dem zurückbleiben, was das Neue Testament vorgibt. Wenn wir ehrlich sind, schreibt Galli, „werden wir zugeben, dass der Feind, den wir gefunden haben, oft wir selbst ist."

Wenn Gott nur die Probleme löst

Galli zitiert die Religionssoziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton, die die Religiosität von US-Teenagern untersucht haben. Nach ihrer Erhebung hat sich ein neuer Glaube etabliert. Zwei seiner Hauptpunkte sind, dass es im Leben darum geht, glücklich zu sein und sich gut zu fühlen - und: Gott braucht keine grosse Rolle im Leben zu spielen, ausser wenn er ein Problem beheben soll. Dies, meint der CT-Redaktor, trifft nicht bloss auf Teenager zu, sondern auf grosse Teile der Szene.

Zahlreiche Ansätze

Die Oberflächlichkeit mancher Christen (‚evangelical nominalism‘) hat viele Aspekte. Daher gebe es auch viele Bewegungen, die einen dieser Aspekte als Kernproblem identifizieren und angehen, schreibt Galli: Bewegungen für soziale Verantwortung, für geistliche Disziplinen, für intensive Gemeinschaft im Alltag, für charismatische Belebung, für Gottesreichs-Theologie, für multikulturelle Öffnung, für missionale Gemeinde.

Frommer Pragmatismus

Laut Galli genügt dies nicht - weil die Vertikale fehlt, zuwenig beachtet oder unterminiert wird. „Wir richten den Blick auf Gebiete, auf denen wir versagen, und reden dann darüber, was wir anders anpacken sollten." Es geht gemäss dem langjährigen Beobachter der Szene darum, der aktivistischen Versuchung zum pragmatischen Handeln zu widerstehen und die vertikale Dimension wieder zu sehen. „Der Skandal ist nicht, dass wir just wie andere Leute sind, sondern dass wir Jesus nicht mehr ähnlich sind."

Kakophonie

Das Stimmengewirr und das mangelnde Verständnis füreinander (womit Mark Galli wohl auch die Rivalitäten unter den Wortführern der US-Evangelikalen anspricht) können als Zeichen der Gegenwart Gottes des Richters gedeutet werden. „Ich halte dafür, dass die Kakophonie, die wir hören, nichts weniger als das Gericht Gottes ist."

Das Wort vom Kreuz - dass Jesus den Eigensinn und Stolz und die Schuld der Menschen ans Kreuz trug - macht den Unterschied. Es setzt neue Massstäbe: Christen haben sich nicht mit der Welt zu vergleichen, sondern an Gottes Gerechtigkeit zu messen. „Es fordert mich nicht heraus, mehr zu tun, sondern mit der Verehrung von Götzen aufzuhören."

Notwendig ist darum, so Galli, eine neue Verkündigung von Gottes Wort. „Wenn Evangelikale die Bibel nicht als Sammlung von Belegstellen verwendet haben, sondern als das Wort, das uns testet und richtet und vergibt, dann ist unsere Bewegung verwandelt worden und eine verwandelnde Kraft in der Welt gewesen."

Die Analyse von Mark Galli: „In the Beginning, Grace"

Datum: 08.10.2009

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