Kirche als Innovationsträgerin?

IT-Leiter beim ICF: «Ich sehe eine riesige Chance»

Simon Egli ist Leiter IT/Web Development beim ICF Zürich und verantwortlich für «Digital Transformation». Für ihn hat die Kirche im digitalen Zeitalter nicht nur Perspektive, sie könnte sogar Innovationsträgerin sein.

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Simon Egli
Simon Egli, Sie waren vor kurzem auf einer Messe für Digitalisierung, was haben Sie von dort mitgenommen?
Simon Egli: Ja, das war «Gennex», die in der Samsung Hall stattgefunden hat. Es ging um digitale Arbeitsplätze, und wie sich die Geschäftswelt dadurch verändert. Wir merken auch im ICF: Wir sind mitten im digitalen Wandel, und er stoppt nicht! Diese Entwicklung vollzieht sich nicht linear, sondern eher exponentiell. Das betrifft auch die Kirche. Die neuen Technologien sind sehr spannend. Aber man muss nicht jeden Trend mitmachen, sondern fragen, wo man einen Nutzen daraus ziehen kann.

Wie merken Sie diese Veränderungen im ICF?
Zum Beispiel daran, wie die junge Generation kommuniziert. Welche Kanäle muss die Kirche verwenden, um die Leute zu erreichen? Unsere Herausforderung besteht darin, dass bei uns Leute in jedem Alter vertreten sind. Flyer per Post landen bei vielen im Altpapier. Wenn man nur über Social Media kommuniziert, verliert man einen Teil, beim E-Mail einen anderen. Also nutzen wir verschiedene Kanäle. E-Mail ist immer noch ein wichtiges Medium, aber eben auch die sozialen Netzwerke. Dort erreichen wir die Jungen, und das nicht nur in Zürich, sondern überall. Zudem entsteht eine Interaktion. Leute haben eine Stimme, sie können sich mitteilen oder anderen davon erzählen.

Muss sich die Kirche anders organisieren?
Die Leute sind heute mobil, sie sind individualisiert und gewohnt, via Handy überall und zu jeder Zeit auf Information zugreifen und kommunizieren zu können. Alles geht schneller. Man entscheidet sich nicht drei Wochen, sondern vielleicht drei Minuten vorher, ob man zu einem Event kommt oder nicht. In der digitalen Welt ist man an keinen Ort und an keine Zeit gebunden. Was heisst das für die Kirche? Findet Kirche nur am Sonntag von 10 bis 11 Uhr statt? Nein. Jesus nachzufolgen ist «24/7». Die Frage ist nun, wie wir mit Technologie die Kirche, aber auch jede einzelne Person auf ihrem Weg unterstützen können. Ganz praktisch bedeutet das eine Umverteilung der Ressourcen. Heute sind ein paar Franken in einem Facebook-Post oft besser investiert als in einen teuren Flyer.

Wo liegen die Chancen für die Kirche?
Die heutigen Technologien bieten riesige Chancen. Weil die Leute sowieso alle online sind, eröffnen sich sehr viele Möglichkeiten. Über Livestream, Youtube oder TV erreichen wir Leute, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben, am Sonntag vorbeizukommen, oder in einem Gebiet wohnen, wo es keine Kirche gibt.

Man darf aber nicht vergessen: Es geht schlussendlich immer noch um Beziehungen, um Menschen. Durch die digitale Welt wird die Vereinsamung ein grosses Thema. Da kann die Kirche einen Mehrwert bieten wie Freundschaften und echte Gemeinschaft. Die Konkurrenz der Kirche sind nicht andere Kirchen, sondern eine Welt mit Partys, Snapchat und Netflix. Für uns liegt die Herausforderung darin, dass wir zu wenig Ressourcen haben, all unsere Ideen umzusetzen.

Das gilt für kleinere Gemeinden erst recht.
Ja, wir als ICF haben den Vorteil, dass wir einige Angestellte in diesem Bereich haben. Darum möchten wir alles, was wir machen, auch multiplizieren. Wir veranstalten die «Church-Training Days», wo wir Know-how und Ressourcen weitergeben. Mit dem ICF Network sind wir dran, ein Angebot zu schaffen, wo andere Kirchen Material zu verschiedenen Themen, Volunteerkultur, Kleingruppenunterlagen, Predigten, Kinderprogramm etc. beziehen können.

Was bringt die Zukunft?
Ich persönlich wünsche mir, dass aus der Kirche heraus wieder Innovation entsteht. Die Kirche war früher Vorreiterin in vielen Bereichen wie Kunst und Musik. Wir möchten diese Fahne heute wieder hochhalten – in der Musik, der Kunst und auch der digitalen Welt. Bei uns haben zum Beispiel einige Jugendliche eine eigene App für Camps entwickelt, worüber das ganze Lager organisiert wird. Die Camp-App liesse sich auch für andere Events anwenden. Durch Ideen aus der Kirche – und von denen haben wir viele – könnten neue Start-ups entstehen, die dann in die Geschäftswelt multipliziert werden. Da gäbe es viel Potenzial.

Zum Thema:
«Facebook-Effekt» beim Glauben: Junge Social-Media-Nutzer flicken sich ihre Religion selbst zusammen
Digitalisierter Glaube: Wie Smartphone und Soziale Medien das Christsein verändern
Futurologe Andreas Walker: «Zukunft ist nicht einfach Schicksal»

Datum: 27.06.2017
Autor: Christof Bauernfeind
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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