Vom Burnout zur Freiheit

Wie Kurt Kammermann zu einer neuen Gemeindekultur fand

«Man muss freudig anfangen und dankbar aufhören können.» So beschrieb Kurt Kammermann an der Strategie- und Schulungskonferenz (SSK) 2016 von Chrischona International sein Verständnis der «leidenschaftlichen Balance», dem Thema der Konferenz. Für viele Teilnehmer wurde sein Zitat zum Schlüsselsatz. Dass ihm dieser Satz so wichtig ist, hat auch mit seiner persönlichen Geschichte als Gemeindeleiter zu tun. Davon erzählt er im Interview.

Zoom
René Winkler (li) und Kurt Kammermann
Chrischona: Herr Kammermann, warum ist es so wichtig, dass man freudig anfangen und dankbar aufhören kann?
Kurt Kammermann: Ich hatte da mal ein Schlüsselerlebnis. Ein Mitarbeiter in meiner früheren Gemeinde hörte auf und sagte mir, die vergangenen zehn Jahre seines Lebens und Dienstes in der Gemeinde seien zehn verlorene Jahre. Ich fragte mich: Was tue ich da eigentlich? Möchte ich, dass Menschen die Gemeinde so verlassen? Gemeinde ist eine Freizeitgesellschaft, kein Unternehmen. Wenn Leute stöhnen und nicht mehr können oder wollen, dann läuft etwas schief.

Wie kann es besser laufen?
Während einer persönlichen Auszeit 1992/93 in den USA lernte ich eine Gemeinde kennen, in der man einfach aufhören durfte. Die Leiter ermutigten die Mitarbeiter sogar, auf dem Höhepunkt ihres Dienstes aufzuhören. Sie konnten dadurch dankbar aufhören und Positives mitnehmen. Das prägte eine positive Gemeindekultur. Das kannte ich bisher nicht und wollte ich auch einmal erleben. Darum wurde mir der Satz so wichtig: Man muss freudig anfangen und dankbar aufhören können.

Mit etwas aufzuhören, ist oft schwierig und schmerzhaft. Worin liegt der Unterschied, ob ich etwas einfach so beende oder dankbar beende?
Etwas einfach so beenden heisst, ich habe meine Aufgabe erledigt, bin meinen Pflichten nachgekommen. Dankbar beenden bedeutet: Ich habe vieles gelernt, bin daran gewachsen und in meinen Verantwortlichkeiten mündiger geworden. Ich schaue dankbar zurück auf die Zeit, in der ich in Verantwortung stand, betrachte sie als eine Investition in mein Leben. 1. Thessalonicher 5,21 gibt in diesem Zusammenhang einen wertvollen Rat: «Prüfet alles, aber das Gute behaltet.» Ich kann eine Segensspur hinterlassen, wenn ich sagen kann: Der Einsatz hat sich gelohnt. Dazu gehört auch, dass man Menschen, die einen Dienst in der Gemeinde aufhören, öffentlich wertschätzt. Ausserdem: Wer dankbar aufhört, fängt auch wieder freudig etwas Neues an.

An der SSK haben Sie davon erzählt, wie Sie als leitender Pastor regelrecht ausbrannten und nicht mehr weitermachen konnten – obwohl Sie durchaus erfolgreich waren als Gemeindeleiter. Was lief verkehrt?
Sie sagen es richtig: Ich war erfolgreich. Trotzdem lief vieles schief. Unter anderem konnte ich mit dem Erfolg nicht umgehen. In einer Pionierarbeit mit 20, 30 Leuten ist man nahe bei den Menschen. Wächst die Gemeinde, muss man andere Führungsstrukturen einführen und Verantwortung abgeben. In meiner ersten Gemeinde war das nicht der Fall. Wir führten 400 Leute gleich wie 40. Die Entscheidungswege waren lang und kräfteraubend, es herrschte ein Kontrollbedürfnis, Sitzungen gingen bis über Mitternacht hinaus. Über jede Kleinigkeit musste die ganze Leitergruppe entscheiden. Ich fühlte mich für alles und jeden verantwortlich. Daran bin ich letztlich zerbrochen, das führte zu Überforderung und Burnout.

Worin liegt der Unterschied, ob man eine Gemeinde mit 40 oder mit 400 Menschen leitet?
Da hilft der Blick auf Jesus. Er war mit drei, mit zwölf, mit 70 oder mit tausend Menschen je anders unterwegs. Diese unterschiedlichen Beziehungsebenen müssen uns bewusst sein. Die drei engen Freunde nahm Jesus mit auf den Berg der Verklärung, das waren hochgeistliche Erlebnisse. Mit den Zwölfen war er anders unterwegs. Grossen Menschenmassen begegnete er wieder anders. Ich habe versucht, das auf die Gemeinde zu übertragen. Beispiel Gebetsabend: Es kann ein tieferer Nutzen aus dem Gebet gezogen werden, wenn man zu dritt betet, als wenn alle dreissig dabei sein müssen. Um das deutlich zu machen, schaffte ich den wöchentlichen Gebetsabend ab und forderte die Teilnehmer auf, sich je zu dritt zum Beispiel zu Gebetsspaziergängen zu treffen. Schon kam Kritik: Der Pastor sei nicht bei Sinnen, er schaffe ab, was die Gemeinde zur Gemeinde mache. Aber selbst erschienen die Kritiker nie am Gebetsabend. Das zeigte mir: Ihnen ging es um den Programmpunkt, nicht ums Gebet. Aber ich wollte keinen Programmpunkt schaffen, sondern kleine eigenverantwortlich geführte Gebetszellen.

Ein Zusammenbruch habe auch etwas Gutes, sagten Sie an der SSK. Denn Gott könne einen wieder neu zusammensetzen. Was haben Sie nach dem Neuanfang anders gemacht als vorher?
Ich habe auf das Vertrauen, die Eigenständigkeit und die Mündigkeit der Menschen gebaut und Verantwortung abgegeben. Im Verein «Quelle» in Kehrsatz haben wir ein Marktplatz-Prinzip für die Gemeinde entwickelt. Jeder Platz auf diesem Marktplatz steht unter eigenständiger Verantwortung. Gemeinsam verfolgen wir aber dasselbe Ziel, der Gesamtheit zu dienen. Wir stehen auch zueinander in der Verantwortung, nicht nur zum Job oder der Aufgabe. Die Beziehungen unter uns Leitern und Mitarbeitern bekamen einen ganz neuen Wert. Es gab kaum noch Sitzungen, wir lösten viel mehr auf dem Beziehungsweg untereinander. Als Pastor war ich der Vernetzer der Leiterschaft und betonte die Vision, wohin das Ganze führen soll. Nur in speziellen Krisensituationen wurde die Leiterschaft als Ganzes in die Verantwortung genommen.

Mit dem Marktplatz-Prinzip fördern wir ausserdem die Eigenverantwortlichkeit der Menschen, die in die Gemeinde kommen. Sie entscheiden selbst, wo sie sich engagieren, was sie brauchen oder wollen. Unsere Marktplatz-Gemeinde bietet verschiedene Angebote für die Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen.

Fördert dieses Marktplatz-Prinzip nicht zu sehr die Beliebigkeit?
Wenn ich die Eigenverantwortlichkeit in der Gemeinde fördern will, dann ist es mein Ziel, dass der Einzelne überlegen muss, was er mit seinem Leben anfängt, was er tun und lassen möchte, was ihm wichtig ist. Der Mensch steht im Blickpunkt, nicht ein bestimmtes Programm, das man durchziehen muss. Das ist meiner Meinung nach auch die Optik der Bibel. Für Mitarbeiter bedeutet das: Sie entscheiden eigenverantwortlich vor Gott, wo sie sich einbringen, ob sie eine Pause brauchen oder sich wieder voll einsetzenkönnen. Es gibt Zeiten, in denen man mal mehr, mal weniger investieren kann. Das muss eine Gemeinde berücksichtigen und aushalten können. In der Gemeinde stemmten wir grosse Events und erreichten damit hunderte von Menschen. Aber wir schufen nie Wiederholungen, sondern fragten uns jedes Jahr neu: Können wir das machen, oder nicht? Wenn nicht, durften wir sagen: Es war eine tolle Zeit, jetzt geht es aber nicht mehr, vielleicht in fünf Jahren wieder.

Wie lange hat es gedauert, bis in Ihrer Gemeinde diese Kultur gewachsen ist?
Es hört eigentlich nie auf. Es kommen ja immer neue Menschen hinzu. Diese müssen neu das lernen, was die Alten schon lernen mussten.

In der Quelle-Gemeinde waren Sie damit offensichtlich erfolgreich. René Winkler (Direktor Chrischona International) formulierte in seinen sieben Erfolgskriterien für eine Gemeinde auch diesen Satz: «Wir haben gelernt zu feiern, wenn wir etwas beenden – und schützen unsere Seele mit Dankbarkeit.» Was haben Sie gedacht, als Sie an der SSK diese Erfolgskriterien hörten?
Ich finde diese sieben Sätze genial. Hinter jedem kann ich stehen. Diese Sätze begeistern Menschen. Auch bei uns in der Quelle habe ich das so erlebt, wir haben ähnliche Sätze formuliert. Ich frage mich nur: Wer hilft den Gemeinden und Gemeindeleitungen, das nachhaltig umzusetzen?

Wie lautet Ihre Empfehlung: Wer sollte bei der Umsetzung helfen?
Es braucht einen regen Austausch mit Menschen, die das unkonventionell und querdenkerisch zu einem Dauerbrenner machen – so wie René Winkler. Letztlich brauchen Gemeinden erfahrene Coaches, die sie auf ihrem Weg begleiten können.

Ende 2016 haben Sie die Leitung der Gemeinde Quelle Kehrsatz abgegeben, also kurz vor dem Ruhestand etwas beendet und etwas Neues begonnen. Warum tun Sie sich das noch an?

Gott hat mir das Bild eines Pfeils vor Augen geführt. Mir wurde bewusst: Ich muss mich von der Spitze des Pfeils zur Feder am Ende des Pfeils fortbewegen. Ich möchte nicht mehr die Spitze des Pfeiles sein, die das Ziel anvisiert und treffen will, sondern die Feder am Ende, die den Pfeil stabilisiert, damit er die Richtung hält und sein Ziel trifft. Im Schoss der Quelle-Arbeit möchte ich diese stabilisierende Funktion ausüben. Ich stelle fest, dass Trainer und Mentoren gefragt sind, die helfen, Stabilität in eine Gemeindeentwicklung einzubringen. Diese Aufgabe liegt mir sehr am Herzen. Damit fange ich jetzt in bescheidenem Masse an. Als ausgebildeter Coach und Mentor anderen weiterhelfen zu einer Kultur der Dankbarkeit und Freiheit – das hat für mich Zukunft.

Zur Person

Kurt Kammermann, geboren 1955, leitete bis Ende 2016 die Freikirche Quelle Kehrsatz bei Bern, in der er eine inspirierende Gemeindekultur entwickelte und aufbaute. Heute möchte er seine Erfahrungen als Coach und Mentor anderen weitergeben. Er ist verheiratet mit Christine, sie haben 3 Kinder und 7 Enkelkinder.

Zum Thema:
Gemeindekultur prägen: Wie man zum Segen für den anderen wird
Chrischona-Konferenz: «Wie werde ich Kulturarchitekt meiner Gemeinde?»
Video-Input von Kurt Kammermann: Mit Konflikten umgehen

Datum: 17.02.2017
Autor: Michael Gross
Quelle: Chrischona Panorama

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