Kirchen gegen Minarettverbot: "Vertrauen auf den eigenen Glauben"

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Prägend fürs Ortsbild: der Kirchturm von Büren an der Aare.
Die reformierten Landeskirchen sprechen sich entschieden gegen ein Minarettverbot in der Verfassung aus und empfehlen ein Nein zur Initiative. Sie haben dafür gute Argumente. Aber: Nehmen sie in ihren Stellungnahmen die Wahrnehmungen und Ängste in der Bevölkerung ernst?

Nach anderen Kirchenleitungen hat diese Woche der Zürcher Kirchenrat gegen die Initiative Stellung bezogen. Er setzt sich ein für "das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen. Eine Annahme der Minarett-Initiative würde dieses Zusammenleben belasten, weil sie ausgrenzt statt integriert." Ein generelles Minarettverbot würde eine einzige Religionsgemeinschaft willkürlich benachteiligen.

"Ängste ernst zu nehmen"

"Die Ängste und Anfragen der Bevölkerung im Bezug auf den Islam sind ernst zu nehmen", fährt der Kirchenrat fort. Doch ein pauschales Verbot löse keine Probleme. Wer selber auf festem Grund stehe, habe keine Angst, dem Fremden zu begegnen. "Dies geschieht im Dialog, der zu Respekt vor dem Gegenüber führt. In einem Rahmen, der von wechselseitiger Achtung geprägt ist, können auch Differenzen und Konflikte besprochen werden." Der Kirchenrat verweist auf den "Interreligiösen Runden Tisch" im Kanton.

Stellungnahme des Zürcher Kirchenrats

SEK-Argumentarium schon 2008

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK, dessen Ratspräsident Thomas Wipf den Rat der Religionen initiierte, hat sich früh und klar gegen die Minarettverbotsinitiative ausgesprochen. Durch seinen Sozialethiker Frank Mathwig liess der Rat SEK bereits im Sommer 2008 ein Argumentarium ausarbeiten. Für den Abstimmungskampf hat er einen zusammenfassenden Sechs-Punkte-Flyer erstellt. Zudem finden sich auf der
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Muslima beim Zürcher Bürkliplatz.
Website auch zehn Fragen und Antworten, unter anderem: "Ist der Islam gefährlich für die Schweiz?"

SEK-Argumentarium: Zwischen Glockenturm und Minarett
SEK-Flyer
10 Fragen - 10 Antworten

Im Argumentarium führt der SEK eingangs die Argumente der Initianten auf: unter anderem, dass im Zeichen des politischen Islam Minarette "politisch motivierte Bauten, die einen ‚religiös-politischen Machtanspruch‘ symbolisieren", seien und dass der Islam die Religion über den Staat stelle.

Kein Machtanspruch?

Wer im 32-seitigen Argumentarium eine Entgegnung auf diese Behauptung vom "Machtanspruch" sucht, wird allerdings nicht fündig. Das Wort selbst findet sich nicht mehr. Kommt ein islamischer Machtanspruch dort zum Ausdruck, wo Moscheen stehen und Minarette in den Himmel ragen? Die Frage - von den Initianten ins Zentrum der Debatte gestellt - wird nicht beantwortet.

Pauschalurteile führen nicht weiter

Richtig warnt Mathwig vor Pauschalurteilen und folgert, ein angemessenes Urteil über die Interessen der muslimischen Bevölkerung in der Schweiz müsse "sorgfältig zwischen den eigenen, berechtigten Anliegen der Religion - den Islam - und politischen Strategien, die Religion als Vehikel und Rechtfertigungsinstrument benutzen - den Islamismus - unterscheiden". Gläubige Muslime dürften nicht pauschal als Anhänger eines politischen Islamismus verdächtigt werden. Allerdings ist das Argument gegen Pauschalurteile zweischneidig: Ein unübersichtliches Spektrum von Einstellungen bei hier lebenden Muslimen wird bei vielen Stimmbürgern Ängste gerade nicht abbauen.

In Europa keine Insel

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Unauffällig: Eingang zur albanischen Moschee in Wil SG.
Einerseits nehmen die Schweizer im Land fast durchwegs gemässigte Muslime wahr, die Vorbehalte berücksichtigen; Ausnahmen fallen umso mehr auf. Anderseits nimmt man das Gegenteil in Nachbarländern wahr. Massive Probleme dort - in Stadtvierteln bilden sich Parallelgesellschaften - und Streitigkeiten um Grossmoscheen wie in Köln geben zu denken. Und nicht zu leugnen ist, dass im Balkan, wo ein Grossteil der hier lebenden Muslime die Wurzeln hat, mit neuen Moscheen und Minaretten islamische Präsenz markiert wird. Die Schweiz ist keine Insel. Es ist dem Stimmbürger nicht zu verargen, wenn er sich überlegt, ob und wie man ein Überschwappen von Problemen in die kleine Schweiz verhindern könnte.

"Eigenen Glauben selbstbewusst leben"

Angesichts dieser Unwägbarkeiten setzen die reformierten Kirchen in einem bemerkenswerten Mass auf Vertrauen. Laut SEK-Flyer wissen sie "um das solide Fundament der Schweizer Kultur der gelebten Vielfalt"; sie loben den Staat, der für den Schutz von Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften sorgt - und vor allem vertrauen sie auf "ihre Glaubensgrundlage". Dies letztere wird erläutert: "Gesetze können Ängste nicht beseitigen. Der Weg, sie zu überwinden, ist eine Kultur der Begegnung und des Dialogs. Diese gründet auf dem selbstbewussten Leben des eigenen Glaubens."

Parallele?

Der Flyer bringt auch die in grosskirchlichen Kreisen gängige (aber deswegen noch nicht zutreffende) Parallele: Wenn sich die christlichen Konfessionen vor 200 Jahren Kirchtürme noch nicht zugestehen wollten, solle sich "diese Geschichte beim Bau von Minaretten nicht wiederholen". Mit anderen Worten: Nachdem Protestanten und Katholiken im Lauf der Zeit miteinander zu leben lernten, seien Christen imstande und gehalten, sich an Minarett bauende Muslime zu gewöhnen. - Ob solche Argumente verfangen, wird sich am 29. November zeigen.

Der Berner Synodalrat zur Initiative
Der St. Galler Kirchenrat zur Initiative
Islam-Dossier der Reformierten Medien

Datum: 23.10.2009
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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