Kommentar: Zürcher Botellón – wer trägt die Verantwortung?
Am letzten Freitag wurde auf der Zürcher Blatterwiese mit Alkohol über die Stränge geschlagen. Bis zu 2000 junge Trinkwillige versammelten sich nach einer entsprechenden Ankündigung im Internet auf der Blatterwiese und besoffen sich. Haufenweise entleerten sie Flaschen und bald darauf auch ihren Magen. Sanitäter, die helfen wollten, wurden beschimpft.
Ein Scherbenhaufen
In den Schweizer und auch internationalen Medien wird dieses Massenbesäufnis seitdem heftig diskutiert. Derweil knieten ein Dutzend Männer und Frauen vom Reinigungsdienst «Rund ums Grün» auf die Zürcher Blatterwiese und klaubten in Kleinstarbeit Glasscherben aus dem Rasen. Offenbar sind Bierflaschen böswillig zerschlagen und in kleinste Einzelteile zermalmt worden. Für sonnenhungrige Besucher ist der Rasen nun gesperrt.
Diese Aufräumarbeiten kosten rund 25 000 Franken. – Wer soll das bezahlen? Mauro Tuena, SVP-Gemeinderat, fordert im «Tages-Anzeiger», dass der 17jährige Organisator und die von der Polizei
registrierten Teilnehmer für die Reinigung zur Kasse gebeten werden sollten. Kurz vor dem Gelage hatte der junge Mann einen Rückzieher gemacht und die Sache eigentlich abgeblasen; nur hatte die inzwischen eine Eigendynamik entwickelt.Für eine „Sauerei mit Struktur“
In derselben Zeitung sprach der Stadtzürcher SP-Präsident Koni Loepfe von einer „böswilligen Sauerei“, denkt aber trotzdem nicht an ein Verbot von derlei Veranstaltungen. Vielmehr möchte er ihnen eine Struktur geben. „Es braucht ein Konzept und jemanden, der dafür verantwortlich ist.“
FDP-Gemeinderat Urs Egger entzieht sich gegenüber den Medien systematisch einer klaren Aussage. Er redet von „schwierig“ und dass ein Verbot ihm wegen der Versammlungsfreiheit zuwider sei. Nur EVP-Gemeinderat Ernst Danner befürwortet klar Letzteres. Der Kolumnist des «Tagi» moniert, dass wir als Gesellschaft den respektvollen Umgang mit öffentlichem Raum verlernt haben.
Und Werbung verführt doch
Eine deutsche Studie besagt, dass Jugendliche umso früher trinken, je mehr Alkoholwerbung sie sähen. Ausserdem steige die Wahrscheinlichkeit, dass sie wahllos trinken. Die Drogenbeauftragte der deutschen Regierung, Sabine Bätzing, beklagt, dass die Selbstkontrolle der Werbewirtschaft mangelhaft sei. – Beunruhigend ist jedenfalls, dass nicht nur Jugendliche beim Alkohol immer mehr über die Stränge schlagen.
Das Magazin «Gesundheit-Sprechstunde» bestätigt, dass in der Schweiz 300 000 Personen alkoholabhängig sind oder gesundheitsschädigende Mengen an Alkohol zu sich nehmen. Von den über 40jährigen Männern weisen sogar mehr als die Hälfte ein Alkoholproblem auf.Nachgeahmte Sinnleere
Stellt sich hier nun die Frage: Welches Gegensteuer muss die Gesellschaft geben? Soll man die jugendlichen Trinker am Schlawittchen packen, oder ist es an der Zeit, dass sich die Erwachsenen an den Ohren nehmen? Der Zürcher Stadträtin Esther Maurer bereite es, wie sie meinte, Sorgen, wenn den jungen Leuten nichts anderes mehr einfalle, als sich gemeinsam zu betrinken.
Von dem Pädagogen Alexander Sutherland Neill stammt der Satz: „Es gibt kein problematisches Kind; es gibt nur problematische Eltern.“ Ein einseitiger Satz; aber er weist in die richtige Richtung von Verantwortung und Vorbild.
* Der moderne „Brauch“ der Botellónes wurde vor gut 10 Jahren in Spanien erfunden. Erwachsene fingen an, sich abends und an Wochenenden öffentlich zum Betrinken zu versammeln. Dazu brachten sie 1- und 1,5-Liter-Flaschen an Spirituosen mit, den sogenannten Botellónes. In einigen Regionen des Landes sind diese Besäufnisse inzwischen verboten.
Weiterführende Links:
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Hilfe zum bei Alkoholproblemen: Das Blaue Kreuz
Autor: Iris Muhl




