Bethlehem: «Stille Nacht» wurde laut gefeiert

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Weihnachten in Bethlehem (Foto: Darko Tepert).
Pünktlich zum Eintreffen des Patriarchen Twal ruft der Muezzin zum Gebet. Auf dem Krippenplatz dröhnt es Jingle Bells in einer Popversion aus den Lautsprechern. Ein paar Besucher singen englische Weihnachtslieder und die Franziskaner, die den Patriarchen in die Katharinenkirche begleiten, stimmen ein Benedictus an: Weihnachten, in Europa für viele ein besinnliches Familienfest, wird in Bethlehem laut gefeiert.

Die Geburtsstadt Jesu ist im Ausnahmezustand. Tausende säumen den Weg des Patriarchen und drängen zum Krippenplatz. Viele Kinder sind als Weihnachtsmänner verkleidet oder halten bunte Luftballons in den Händen. Es herrscht Volksfeststimmung und von überall wird den Besuchern "Merry christmas" zugerufen.

Entspanntere Lage

Während der Weihnachtstage ist selbst Situation am Kontrollpunkt entspannter, erklärt Andreas, der als Freiwilliger des Weltkirchenrates täglich das Geschehen beobachtet. Mehr Schalter waren in den letzten beiden Tagen geöffnet, die Wartezeit für die Einreise nach Israel sei "deutlich kürzer als an normalen Tagen". In der Nacht werden nicht einmal die Taschen kontrolliert, allerdings sind die Einreisenden auch "nur" Touristen.

Nicht alle sind begeistert über die praktischen Auswirkungen von Weihnachten. Die Taxifahrer, die am Kontrollpunkt Rachels Grab auf Touristen warten, haben dieser Tage einen schweren Stand. Für den Einzug des Patriarchen wurde die Strasse vor dem Kontrollpunkt, ihr angestammter Platz, gesperrt, und sie müssen zu Fuss auf potentielle Fahrgäste warten. Dass viele Touristen an diesem Tag lieber in die Stadt laufen, hinterlässt eine gereizte Stimmung.

Keine freien Betten

Anders dürften die Hotelbetreiber in der Stadt denken. Rund 15.000 Besucher sind nach Angaben des Bürgermeisters Victor Batarseh an den Weihnachtstagen zu erwarten. Die rund 4.500 Hotelbetten sind so gut wie ausgebucht. "Wir kommen hier in die Stadt wie damals Maria und Josef: Kein Platz ist für uns frei", sagt Ghada. Die Christin aus Gaza hat erst am Morgen erfahren, dass sie eine Ausreisegenehmigung für die Weihnachtsfeiern in Bethlehem bekommt - jetzt sind alle Hotels belegt.

Auch an der Mitternachtsmesse mit Patriarch Twal, für die man bereits vor vier Wochen keine Einlasskarten mehr bekam, werden Ghada und ihre Familie nicht teilnehmen können. Die Freude darüber, Weihnachten in Bethlehem feiern zu dürfen, ist ihr trotzdem anzusehen. "Wenn wir Glück haben, lassen sie uns zweimal im Jahr aus Gaza ausreisen, zu Ostern und zu Weihnachten", sagt Ghada.

Lange Schlangen

Jene, die eine der begehrten Einlasskarten zur Christmette erhalten haben, stehen ungeduldig in der Warteschlange. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch, die Militärpräsenz enorm. "Es wird immer schlimmer, aber jetzt übertreiben sie es wirklich", kommentiert ein Touristenführer das langwierige Prozedere. Für viele Besucher aus Europa dürfte es eine neue Erfahrung sein, dass man Anstehen muss, um einen Platz in der Kirche zu bekommen. Drinnen ruft Patriarch Fouad Twal zu Frieden und Gerechtigkeit auf. Der Belagerungszustand in Gaza sei auch ein Jahr nach dem Krieg erstickend, das Leben für viele Familien schwierig.

Ghada und ihre Familie feiern derweil auf dem Krippenplatz, zusammen mit ein paar tausend anderen Menschen. Die meisten von ihnen sind junge Palästinenser. Auf der grossen Bühne spielen Bands aus dem Ausland Weihnachtsklassiker in rockigen Versionen, die Stimmung ist ausgelassen.

Ein paar Jungs verteilen Handzettel mit der Forderung nach dem Ende der israelischen Besatzung, aber dies ist auch schon der einzige politische Akt. Ein Konzertbesucher fasst es zusammen: "Heute vergessen wir die Besatzung, heute ist Party für jedermann, heute wird gefeiert!" Und das auf durch und durch orientalische Weise: Laut und mit grosser Herzlichkeit.

Autor: Andrea Krogmann

Datum: 28.12.2009
Quelle: Kipa

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